Fr., 17.07.2015

Interview mit Georg Krimphove und Thomas Bäumer „Da ist kein Kader für den Aufstieg zusammengeschraubt worden“

Georg Krimphove (l.) und Thomas Bäumer nahmen im Interview kein Blatt vor den Mund.

Georg Krimphove (l.) und Thomas Bäumer nahmen im Interview kein Blatt vor den Mund. Foto: Jürgen Peperhowe

Münster - 

Präsident Georg Krimphove und Thomas Bäumer, der Aufsichtsrats-Vorsitzende, sind die beiden starken Männer beim SC Preußen Münster. Im Interview reden sie über Luftschlösser beim Stadionbau und die Gefahr, in den Tabellenkeller abzurutschen.

Von Alexander Heflik

Krimphove löste Ende April nach zehnjähriger Amtszeit Dr. Marco de Angelis als Club-Chef ab. Im sportlichen Bereich ziehen derweil Sportvorstand Carsten Gockel und Trainer Ralf Loose die Fäden. Über den Stand der Dinge in der Stadiondebatte sowie die sportliche Ausrichtung und Perspektiven des 1906 gegründeten Vereins sprach mit Krimphove und Bäumer unser Redaktionsmitglied Alexander Heflik.

In Sachen Stadion: Wie bewertet der Verein die Unterstützung der Stadtverwaltung und der Politik?

Georg Krimphove: In der Verwaltung wie auch in der Stadtspitze gibt es Menschen, die uns wohlgesonnen sind – ohne die jetzt im Wahlkampf benennen zu wollen. Aber es gibt auch Menschen, denen das Thema egal ist oder die sagen lieber nichts.

Thomas Bäumer: Der Prozess der Stadionentwicklung an der Hammer Straße läuft ja schon seit einiger Zeit, die Dinge sind im Fluss. Das wurde ja nicht durch Walther Seinsch praktisch geboren, wir waren schon vorher auf einem wunderbaren Weg. Das haben wir nur nicht mit einem Lautsprecher vor uns hergetragen in der Öffentlichkeit. Deshalb spüren wir auch Unterstützung vonseiten der Stadt.

Fotostrecke: Preußen Münster - Mannschaftskader 2015/16

Ist das Miteinander besser als vor zehn Jahren?

Krimphove: Das ist besser geworden, Preußen hat ein anderes Gewicht, eine andere Wertigkeit in der Stadtgesellschaft. Vor zehn Jahren hatten wir 2000 Zuschauer pro Spiel, nun hatten wir 200 000 Besucher in einer Saison. Die Preußen sind mittlerweile fest verankert im gesellschaftlichen Leben.

Kann die Stadionfrage ein Wahlkampfthema bei der Oberbürgermeisterwahl werden?

Bäumer: Das glaube ich nicht, weil an dieser Stelle und so, wie die Planungen sind, es keine wirklichen Alternativen gibt.

Krimphove: Es eignet sich dafür auch nicht. Das Stadionprojekt ist ja nicht mit dem Bau einer neuer Westtribüne gegessen. Wir wollen das weiterentwickeln. Wer kurz springt, der hat verloren, wenn er das zum Wahlkampfthema macht.

„Eine Planung an der Nieberding­straße wäre ein Luftschloss“

Das Thema Nieberdingstraße/Stadionbau ist zuletzt aufgefrischt worden. Was sagt der Verein dazu?

Bäumer: Oberbürgermeister Markus Lewe hat nur gesagt, das könnte eine Option sein.

Krimphove: Wenn es um das Machbare geht, dann bleibt nur die Hammer Straße bei den aktuellen und in naher Zukunft herrschenden Rahmenbedingungen. Eine Planung an der Nieberding­straße wäre ein Luftschloss.

Bäumer: Wir wollen in einem überschaubaren Zeitpunkt etwas erreichen, das ist dort an der Nieberdingstraße nicht ansatzweise greifbar. Für unseren unmittelbaren Zweck geht das an der Hammer Straße um ein Vielfaches schneller mit der Realisierung.

Der Vorstoß von Walther Seinsch, dem Macher des Stadions und Bundesliga-Projekts beim FC Augsburg, sein Stiftungsprojekt mit einer Basis-Finanzierung von 20 Millionen Euro für den Bau einer Erstliga-tauglichen Arena, ist beim Verein nicht so recht auf Begeisterung gestoßen?

Bäumer: Das war falsch, als behauptet wurde, der Club sei nicht begeistert. Ganz im Gegenteil. Alle, die in dieser Stadt bereit sind, den SC Preußen in welcher Art und Weise auch immer zu unterstützen, sind herzlich willkommen. Aber wir sind keine Zauberer, die von heute auf morgen Unmögliches realisieren können. Genau das wäre der Fall gewesen bei diesem Vorschlag, er ist aus verwaltungsrechtlichen Gründen nicht realisierbar.

Wie sind die Preußen und Walther Seinsch auseinandergegangen?

Bäumer: Er ist menschlich in Ordnung. Doch sein Projekt war an Bedingungen geknüpft, die nicht zu erfüllen waren. Daran ist es bedauerlicherweise gescheitert. Wenn Herr Seinsch morgen wiederkommt und sagt, ich unterstütze euch, dann sind wir die Ersten, die zu Gesprächen bereit sind.

Krimphove: Bei einem möglichen Investment können wir sofort über die Verzinsung sprechen, wir sind da völlig offen und aufgeschlossen.

Wie sieht von Vereinsseite ein möglicher Zeitplan für einen kompletten Ausbau des Stadions aus?

Bäumer: Wenn der Bebauungsplan steht und wir das Baurecht zugesprochen bekommen haben, dann kann es schnell gehen.

Krimphove: Wir planen parallel schon. Auf dem Reißbrett steht ein grober Plan. Können wir uns das leisten? Was kostet Plan A? Was kostet Plan B? Es geht ja um die diversen Ausbaustufen.

SCP-Kader

Der SC Preußen hat seinen Kader radikal umgebaut. Einen Überblick über die neue Truppe bietet unsere interaktive Grafik.

Bäumer: Mitte 2016 könnte, so die Stadt, der neue Bebauungsplan stehen, aus unserer Sicht könnte Anfang 2017 mit den ersten Bauarbeiten begonnen werden.

Krimphove: Sinn würde es machen, mit der Westtribüne zu beginnen, vielleicht auch parallel gleich die Osttribüne zu bauen. Die überdachte Stehgerade käme als letzter Schritt an die Reihe. Darüber hinaus müssen aber auch die Pläne für das Nachwuchsleistungszentrum, die Zuwege, die zusätzlichen Trainingsplätze und vieles andere mehr bedacht werden. Aber in diesem Moment ist vieles spekulativ. Was fest steht: Wir werden auch die Fans mitnehmen bei unseren Planungen, weil es natürlich auch Veränderungen geben wird, wo der Gästeblock sein wird und wo unsere Fans stehen können.

„Wir wollen keinen Luxustempel“

Was ist das realistische Ziel beim Fassungsvermögen?

Bäumer: Ganz ehrlich? Wenn der Ansatz wäre, dass 22 000 im Idealfall ins Stadion passen könnten, dann würden wir Jubelarien singen.

Krimphove: Halt, denn das ist auch sicher: Stehplätze gibt es auf jeden Fall, wir wollen keine Luxustempel. Unsere Stehplatzinhaber sollen ihren Platz haben.

Was kostet der Stadionausbau in der Endstufe aus der Sicht des SCP ?

Bäumer: Ich denke, dass wir auf keinen Fall 20 Millionen Euro überschreiten würden.

Wo liegen die Risiken, wie wichtig ist sportlicher Erfolg?

Bäumer: Damit steht und fällt alles. Wir dürfen auf keinen Fall absteigen, in der 4. Liga ist das alles nicht zu verwirklichen. Unser Ziel muss bleiben, dauerhaft gut in der 3. Liga mitzumischen und auch noch eine Perspektive auf die 2. Bundesliga zu haben.

„Man kann ganz schnell mit einer neu formierten Mannschaft in den Keller rutschen“

Vom Stadion zur wirtschaftlichen Basis beim SCP, wie ist es um den Club bestellt?

Krimphove: Der Etat ist kleiner als in der Vorsaison, der dicke Batzen aus dem DFB-Pokal fehlt. Aber es fehlen auch Heimspiele gegen Bielefeld und Duisburg, da gibt es keinen adäquaten Ersatz. Die Kosten des Spieleretats wurden gesenkt.

Bäumer: Da gehen wir neue Wege, die Einkaufspolitik ist eine andere. Wir setzen auch auf Talente von Bundesliga-Clubs und auf Leihgeschäfte, das sind Win-Win-Situationen für die abgebenden Vereine und für uns. Es ist ein für Preußen unbekannter Weg, aber warum sollten wir damit nicht Erfolg haben? Na ja, das könnte ein riskanter Weg sein, man kann ganz schnell mit einer neu formierten Mannschaft in den Keller rutschen.

Ist Erfahrung nicht ein enorm wichtiger Bestandteil in der 3. Liga, um erfolgreich sein zu können?

Krimphove: Diese Gefahr sehe ich nicht, wir haben genügend erfahrene Spieler aus der Vorsaison gehalten. Da steht keine Fohlenelf auf dem Platz. Wir werden eine ordentliche Rolle spielen. Carsten Gockel und Ralf Loose haben bei den Verpflichtungen viel Wert auf den Charakter der Spieler gelegt. Das ist klar artikuliert, wir wollen ein Team, und es gibt keine Extrawürste.

Bäumer: Da stehen Spieler aus der Vorsaison auf dem Platz, die schon auf Rang eins standen, das sollte keiner vergessen. Die Mischung macht es, Bauchschmerzen habe ich bei diesem Kader nicht.

Krimphove: In den Köpfen der Fans ist natürlich der Einbruch der Leistung in der letzten Saisonphase hängen geblieben, aber nicht alles war schlecht in der letzten Spielzeit.

Fotostrecke: Das neue Preußen-Präsidium

Wurde früher nicht auf den Charakter geachtet?

Krimphove: Natürlich wurde da früher auch schon darauf geachtet. Aber vielleicht sehen wir die Dinge jetzt von einem neuen Standpunkt. Für mich ist die jetzige Entwicklung wichtiger als unbedingt einige Leuchttürme mit 150 Zweitliga-Spielen auf dem Rücken holen zu müssen.

Bäumer: Ich sage Ihnen eines: Die neuen jungen Spieler brennen anders, da ist ein ganz anderer Zündstoff im Motor. Die wollen sich empfehlen, und das schaffen sie nicht mit Lapaloma-Fußball am Wochenende. Man muss diese Mannschaft machen lassen. Da ist kein Kader für den Aufstieg zusammengeschraubt worden, das war nicht die Absicht. Aber dieses Aufgebot soll mitspielen, und zwar nicht gegen den Abstieg, und dann schauen wir mal. Warum soll es eigentlich Preußen Münster nicht mal gelingen, einen Überraschungskader auf die Beine gestellt zu haben.

Konkurrenzfähig? „Natürlich nicht.“

Ist der SCP eigentlich konkurrenzfähig in der 3. Liga im Vergleich zu Dresden, Erfurt oder Chemnitz mit deren neuen Stadien?

Bäumer: Natürlich nicht. Wir haben die Antik-Arena der Fußball-Arenen. Überall wird gebaut, nur hier passierte lange nichts. So geraten wir ins Hintertreffen. Deshalb verfolgen wir auch das Stadionprojekt mit Nachdruck und unterstützen die aktuellen Pläne. So bleiben wir dran, so halten wir mit.

Was ist noch vermarktbar bei den Preußen in der aktuellen Lage, wo kann der Verein den nächsten Schritt machen?

Bäumer: Da bleiben aktuell nur die Tribüne und der Stadionname. Das sind die großen Batzen, die zu vermarkten sind. Da muss man schauen, welcher Partner dazu bereit wäre. Das muss man offen diskutieren in einer Mitgliederversammlung, aber wer sollte dagegen sein, wenn das das letzte fehlende Potenzial ist, um damit eine Mannschaft noch ein Stück zu verbessern?

Krimphove: Und natürlich schlagen wir keinem interessierten Partner die Nase vor der Tür zu. Wer in unseren Sponsorenpool kommt, der bekommt etwas dafür, das ist kein reines Mäzenatentum.

Ein letzte Frage: Ralf Loose bleibt Trainer, andernorts wäre er nach dem schwachen letzten Saisondrittel mit nur zwei Siegen aus 13 Pflichtspielen wohl entlassen worden. Wieso nicht in Münster?

Krimphove: Wir haben mit Ralf Loose den neuen Weg besprochen und ihn gefragt, ob er diesen mitgehen will. Es kam ein klares Ja. Auch Carsten Gockel steht zu 100 Prozent hinter ihm.

Bäumer: Ralf Loose bleibt nicht unser Trainer, er ist unser Trainer.



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