Sa., 03.10.2015

Deutsche Einheitsgeschichte: David Fischer Ossi im Westen

David Fischer vor „seiner“ Schule, dem Hansa-Berufskolleg. Den Schülern versucht er auch beizubringen, wie wertvoll das Wahlrecht ist.

David Fischer vor „seiner“ Schule, dem Hansa-Berufskolleg. Den Schülern versucht er auch beizubringen, wie wertvoll das Wahlrecht ist. Foto: kv

Münster - 

Lehrer haben dem Teenager David Fischer das Leben ziemlich schwer gemacht. Trotzdem oder gerade deshalb wollte er nie ernsthaft einen anderen Beruf. David Fischer, mittlerweile 41, ist inzwischen als Leiter des Hansa-Berufskollegs sogar eine Art Oberlehrer. Die Männer und Frauen, die ihn als Jugendlichen in seiner sächsischen Heimatstadt Zwickau unterrichteten, waren 1989 ein wichtiger Grund, die DDR zu verlassen.

Von Karin Völker

15 Jahre alt war David Fischer damals, Sohn einer alleinerziehenden Industriearbeiterin, die selbst als Heimkind in der DDR aufgewachsen war. David hatte in der Abschlussklasse der für alle in der DDR obligatorischen polytechnischen Oberschule sehr gute Noten in allen Fächern, aber nur eine drei im Betragen, eine schlechte Zensur. „Ich habe zu viel im Staatskunde-Unterricht diskutiert.“ Es gab Tadel, Verweise, keine Chance auf Abitur und Studium, noch nicht einmal auf die Wunsch-Ausbildung als Baumaschinenführer.

Zusammen mit seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten unternahm der Junge im Oktober und Anfang November 1989 drei Fluchtversuche aus der DDR. Erst beim dritten Anlauf schafften sie es, nach Prag – und schließlich in die bundesdeutsche Botschaft, wo Tage zuvor der damalige Bundesaußenminister Genscher vom Balkon aus die Ausreise Tausender DDR-Flüchtlinge auf dem Botschaftsgelände nach Westdeutschland verkündet hatte.

Wenn sich am 3. Oktober zum 25. Mal der Tag der deutschen Einheit jährt, dann ist das für David Fischer ein wirklicher Feiertag . Als am 3. Oktober 1990 Deutschland wieder vereinigt wurde war der junge DDR-Flüchtling schon längst Schüler der Gesamtschule Bergerfeld in Gelsenkirchen – und wunderte sich immer noch, „wie respektlos die Mitschüler mit den Lehrern umgingen, und dass das keine Konsequenzen hatte“. Der in der DDR aufsässige Problemschüler David fühlte sich in Gelsenkirchen plötzlich als „Musterknabe“, erinnert sich Fischer, der heute von seinen Kollegen mitunter aufgefordert wird, in den Schulklassen als Zeitzeuge aufzutreten, von seiner Schulzeit in der Diktatur zu erzählen.

Neulich hat David Fischer, Lehrer für Rechtswissenshaft und Sport – zusammen mit der Pädagogik seine beiden Steckenpferde – die Jugendlichen im Hansa-Kolleg wieder aufgefordert, bei den Oberbürgermeisterwahlen, ihr Wahlrecht wahrzunehmen. „Ich versuche ihnen aus eigener Erfahrung klar zu machen, wie wertvoll Mitbestimmung in der Demokratie ist“, sagt er.

Er erzählt den Jugendlichen dann häufig von seinen Fluchtversuchen: „Beim ersten Mal wurden wir an der Grenze der damaligen Tschechoslowakei von den DDR-Grenzern zurückgeschickt. „Wir waren verdächtig, weil wir Geburtsurkunden mitgenommen hatten.“ Das zweite Mal versuchten sie, im Dresdner Hauptbahnhof auf einen der Züge zu springen, die aus Prag kommend mit den Botschaftsflüchtlingen in den Westen fuhren. Polizeiknüppel und Wasserwerfer hielten sie auf. Er erzählt von seiner Angst, als sie es am 4. November 1989 endlich per Zug nach Prag geschafft hatten, aber dort durch die Stadt irrten, weil sie nicht wussten, wo die bundesdeutsche Botschaft war – und sich wegen der auch in Prag allgegenwärtigen Stasi nicht trauten, irgendjemanden nach dem Weg zu fragen.

Sie fanden die Botschaft, reisten legal per Zug direkt in die Bundesrepublik. Am Grenzübergang Schirnding in Bayern wurden die DDR-Flüchtlinge damals ähnlich begeistert empfangen, wie kürzlich die Flüchtlinge in München oder Dortmund. In der Außenstelle des Aufnahmelagers Unna-Massen in Gelsenkirchen wohnte und schlief David Fischer einige Monate lang in einer Halle mit Dutzenden fremder Leute. Erfahrungen, weshalb ihn das Schicksal der vielen jetzt ankommenden Flüchtlinge in besonderer Weise berührt. Im Hansa-Kolleg hat er kürzlich zwei Flüchtlingsklassen eingerichtet – „das Kollegium war sofort dafür“, freut er sich.

Als Ossi im Westen hat David Fischer sich nie benachteiligt gefühlt, im Gegenteil: „Ich hatte plötzlich alle Chancen.“ Er machte sein Abitur, studierte an der Ruhr-Uni Bochum, wurde in jungen Jahren stellvertretender Schulleiter eines Berufskollegs in Bochum, seit einem knappen Jahr ist er Leiter der größten Schule Münsters mit 4236 Schülern.

Zum Leben im demokratischen System gehört für ihn auch politisches Engagement: David Fischer ist in Gelsenkirchen, wo er mit Frau und kleinem Sohn wohnt, für die Grünen im Schulausschuss aktiv.

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