Premiere
„Der Stellvertreter“ im Theater Münster

Münster -

Es ist pure Beklommenheit, die sich nach 100 Minuten beim Publikum im Kleinen Haus des Theaters Münster in die Stuhlreihen schleicht. Das ist angesichts des abgrundtief Bösen, das hier geschildert wird und das Chiffren wie „Holocaust“ oder „Auschwitz“ nur unzulänglich beschreiben, verständlich. Erst nach und nach setzt sich stürmischer Applaus für das überzeugende Schauspiel-Ensemble durch. Verstärkt dadurch, dass Rolf Hochhuth, der bald 85 Jahre alte Autor des „Christlichen Trauerspiels“, im Publikum sitzt und mit den Akteuren auf der Bühne den Applaus entgegennimmt.

Montag, 07.03.2016, 15:00 Uhr aktualisiert: 07.03.2016, 15:05 Uhr
Der Jesuitenpater Riccardo Fontana (Daniel Rothaug, l.) geht stellvertretend für seine Kirche ins Konzentrationslager. Hier treibt der Doktor (Christoph Rinke) sein grausiges Spiel mit ihm.
Der Jesuitenpater Riccardo Fontana (Daniel Rothaug, l.) geht stellvertretend für seine Kirche ins Konzentrationslager. Hier treibt der Doktor (Christoph Rinke) sein grausiges Spiel mit ihm. Foto: Oliver Berg

Er dürfte zufrieden gewesen sein mit der kammerspielartig verdichteten Fassung von "Der Stellvertreter " in der Regie von Kathrin Mädler. Sie lässt die Akteure in unterschiedlichen Rollen agieren, was die Ambivalenz des Menschen und seine Verführbarkeit zum Bösen zum Ausdruck bringt.

Im Bühnenbild von Frank Albert dominiert eine Treppe, von der die Akteure, seien es die SS-Schergen um Eichmann (Matthias Caspari), die die „Endlösung“ debattieren, seien es die Amtsträger in Vatikan und Nuntiatur, von oben herab zu den gequälten Kreaturen auf der Bühnenebene herabsteigen. Hier setzen die Hauptfiguren des Abends, Aurel Bereuter als SS-Obersturmführer Kurt Gerstein und Daniel Rothaug als Jesuit Riccardo Fontana, die spielerischen Akzente.

Zwei Hauptfiguren

Der eine, überzeugter Christ und höhere SS-Charge, glaubt noch daran, im System des industriellen Mordens eine rettende Schlüsselrolle einnehmen zu können. Der andere entwickelt sich von der smarten klerikalen Karrierehoffnung zum gepeinigten Mahner. Doch weder sein Vater, Graf Rutta (stark: Gerhard Mohr), noch der Nuntius oder gar ein Kurien-Kardinal (Mark Oliver Bögel) lassen sich zu aktiver Krisenintervention erweichen. Über allem schwebt am Ende Papst Pius XII. (nochmals Gerhard Mohr), der sich bei seinem kurzen Auftritt in diplomatischen, wirkungslosen Floskeln verliert. Bei seinem Monolog steht er auf einem Altarblock, der seine absolutistische Entrückung gegenüber der Weltkatastrophe symbolisiert. Regisseurin Kathrin Mädler lässt dazu etwas Schnee von der Decke rieseln, um die Kälte dieses Augenblicks zu unterstreichen.

"Der Stellvertreter" im Theater Münster

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  • Gerhard Mohr, Mark Oliver Bögel, Daniel Rothaug, Szenenfoto aus dem Stück "Der Stellvertreter" im Theater Münster.

    Foto: Oliver Berg / Theater Münster
  • Daniel Rothaug, Christoph Rinke, Szenenfoto aus dem Stück "Der Stellvertreter" im Theater Münster.

    Foto: Oliver Berg / Theater Münster
  • Daniel Rothaug, Aurel Bereuter, Szenenfoto aus dem Stück "Der Stellvertreter" im Theater Münster.

    Foto: Oliver Berg / Theater Münster
  • Daniel Rothaug, Christoph Rinke; im Hintergrund: Matthias Caspari, Szenenfoto aus dem Stück "Der Stellvertreter" im Theater Münster.

    Foto: Oliver Berg / Theater Münster
  • Matthias Caspari, Daniel Rothaug, Mark Oliver Bögel, Szenenfoto aus dem Stück "Der Stellvertreter" im Theater Münster.

    Foto: Oliver Berg / Theater Münster
  • Aurel Bereuter, Mark Oliver Bögel, Szenenfoto aus dem Stück "Der Stellvertreter" im Theater Münster.

    Foto: Oliver Berg / Theater Münster
  • Daniel Rothaug, Aurel Bereuter, Szenenfoto aus dem Stück "Der Stellvertreter" im Theater Münster.

    Foto: Oliver Berg / Theater Münster

"Der Doktor" ist die stärkste Figur

Überhaupt der Altar: Anfangs wirkt er wie ein Stück NS-Architektur, um das sich die NS-Schergen versammeln. Später dann wird er zum Zufluchtsort Gersteins und Fontanas, die im Kerzenschein beten und flehen. Die mit Abstand stärkste Figur in diesem Trauerspiel aber ist „Der Doktor“, den Christoph Rinke als faustische Gestalt in Lackschuhen, weißen Handschuhen sowie mit schneidender intellektueller Überheblichkeit verkörpert. Wie dieser „Mengele“ den Jesuitenpater, der sich als „Stellvertreter“ im KZ opfern will, quält und mit ihm angesichts seiner Fließbandmorde die Theodizeefrage, also die Frage nach Gottes Gerechtigkeit im Angesicht des Leids der Welt, zynisch durchdekliniert, das gehört zu den beklemmendsten Minuten dieses großen Theaterabends.

Termine und Tickets

Bis Juni sind noch einige Vorstellungen geplant. Termine und Ticket-Infos: hier .

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