Fringe-Ensemble zeigt im Pumpenhaus „Moby Dick“
Weißer Wal im Rhein

Münster -

Das Fringe-Ensemble zeigt in Kooperation mit dem münsterischen Label Phoenix 5 im Pumpenhaus eine Theaterversion von Herman Melvilles 900 Seiten starker Erzählung „Moby Dick“ - ohne Showdown.

Samstag, 19.03.2016, 09:53 Uhr aktualisiert: 20.03.2016, 16:42 Uhr
Puristisch inszeniert zeigt das „Fringe-Ensemble“ zusammen mit dem münsterischen Theater Phoenix 5 im Pumpenhaus seine Theaterversion des Klassikers der Weltliteratur: Moby Dick.
Puristisch inszeniert zeigt das „Fringe-Ensemble“ zusammen mit dem münsterischen Theater Phoenix 5 im Pumpenhaus seine Theaterversion des Klassikers der Weltliteratur: Moby Dick. Foto: Lilian Szokody

„Da, es geht schon wieder los!” Matrose Ismael ist nervlich am Ende. Immer wieder humpelt Kapitän Ahab mit seinem Stumpf aus Walfisch-Knochen über das Deck der „Pequod“ und bringt die Besatzung in der Kajüte mit seinem „Krüppelschritt“ um den Schlaf. „Barbarischer Ingrimm“ kennzeichne den Gesichtsausdruck des Befehlshabers, allein sein fahles Mal über dem verbrannten Gesicht schüchtert den jungen Mann ein. Als Ismael vorsichtig um Ruhe bittet, jagt er ihn in dieser Szene mit äußerst rüden Worten davon: „Kusch dich, du Hund. Ab, in die Hütte.“

Diese erste Szene der Romanadaption „Moby Dick“, die das Fringe-Ensemble in Kooperation mit Phoenix 5 auf die Bühne des Pumpenhauses brachte, fängt die Stimmung von Herman Melvilles 900 Seiten starker Erzählung wohl am besten ein: die Furcht an Bord vor der Unberechenbarkeit des wahnsinnigen Kapitäns, der nichts weiter im Sinn hat, als den Wal zu töten, der ihn einst zum Krüppel machte.

Laila Nielsen spielt ihre Doppelrolle überzeugend, wenn sie mal männlich als „Herrschender“, mal als „Beherrschter“ auf der Bühne steht, bis sie ihre Worte am Ende panikartig herausrattert. Doch bei diesem ersten Monolog bleibt es nicht. Regisseur Frank Heuel stellt sein achtköpfiges, ausdrucksstarkes Ensemble vorzugsweise einzeln auf die Bühne, um ausgewählte Passagen des Klassikers zu zitieren. Anstelle von Interaktion tritt Reflexion, die Melvilles Text freilich zuhauf bietet.

Derart puristisch inszeniert, lässt sich der Geist des Romans jedoch kaum fassen. Zentrale Themen des Werks, etwa die Ausbeutung von Natur, die Mannschaft als Mikrokosmos von Gesellschaft oder Ahabs verzweifelter Versuch von Entgrenzung vermitteln sich kaum, zumal Frank Heuel zu Melvilles philosophischen, wissenschaftlichen Exkursen noch eigene beisteuert, wenn er biologische Fakten nennt oder vom verirrten weißen Wal im Rhein der 1960er Jahre spricht. So wirkt sein „Moby Dick“ weniger wie ein Theaterstück, sondern wie eine szenische Lesung, die sich über zweieinhalb Stunden in die Länge zieht.

Immerhin gelingt es dem Ensemble auf Annika Leys Bühne Schiffsatmosphäre zu vermitteln – Melancholie des Einerlei, die zum ewigen Warten auf Moby Dick passt. Da klettern die Matrosen auf Stahlmasten, liegen wie tot auf den Planken oder bewegen ihre Körper lethargisch vor und zurück.

Gelungen sind auch Momente, in denen die Schauspieler Zuschauer direkt ansprechen. Etwa, wenn sie verschwörerisch vor der See als „Erzfeind des Menschen“ warnen oder wenn Schiffsjunge Pip nach seiner Seele sucht und man erst danach erfährt, wie er sie verloren hat. Weshalb ein Matrose weite Passagen auf Polnisch spricht, erschließt sich allerdings nicht. Und auf den Showdown wartet man vergeblich. Der Kampf zwischen Mensch und Wal bleibt aus – schade.

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