Udo Weiss im Interview
Der Querdenker

Münster -

Für Udo Weiss war es in den 45 Dienstjahren als Polizist „das Schlimmste, was einem passieren kann“. Nun geht er in den Ruhestand.

Samstag, 26.03.2016, 10:00 Uhr aktualisiert: 26.03.2016, 10:41 Uhr
Udo Weiss geht in den Ruhestand. Mit einer Verbundstrategie aus Analyse, Prävention, Repression und Sicherheitskommunion hat er die Unfallzahlen nachhaltig gesenkt.
Udo Weiss geht in den Ruhestand. Mit einer Verbundstrategie aus Analyse, Prävention, Repression und Sicherheitskommunion hat er die Unfallzahlen nachhaltig gesenkt. Foto: hpe

Angehörigen eine Todesnacht überbringen und ihnen mitteilen zu müssen, dass ihr Kind oder ihr Partner nicht mehr heimkommen wird. „Das prägt“, sagt Weiss. Der Chef der Direktion Verkehr im Polizeipräsidium Münster geht in der nächsten Woche in den Ruhestand. Mit teils spektakulären Aktionen und einer Null-Toleranz-Ahndung bei Verstößen hat er Aufmerksamkeit erregt und manchmal auch Frust bei den Verkehrssündern verursacht. Unser Redakteur Helmut P. Etzkorn sprach mit dem 61-jährigen Münsteraner. „Polizeiarbeit geschieht auf der Grundlage des Gesetzes und orientiert sich an den Werten der Verfassung. Findet seine wahre Legitimation jedoch erst in einer mehrheitlichen Bürgerakzeptanz“, so der Leitsatz des engagierten Führungsbeamten.

Was stand für Sie in den all den bewegten Jahren im Fokus der Bemühungen?

Weiss: Gesundheit und Leben aller Bürger standen und stehen im Mittelpunkt. Wir wollen dafür sorgen, dass jeder Verkehrsteilnehmer am Ende seines Weges wieder sicher nach Hause kommt. Dafür tun wir alles, auch wenn es manchmal an die Grenzen der Belastung gegangen ist.

Wie sieht die Bilanz aus?

Weiss: Ich bin seit 2007 in der Funktion des Direktionsleiters Verkehr in Münster. Damals war nirgendwo in NRW das Risiko größer, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden. Das hat sich nachhaltig geändert. 2007 lag die Lichteinschaltquote bei Radfahrern bei 40 Prozent. Heute sind es 98 Prozent. Nur sechs Prozent aller Radler trugen früher einen Helm, heute ist es jeder fünfte. Von 22 Unfall-Risikobereichen auf Münsters Straßen sind 14 entschärft. Die Zahl der Unfälle mit Verletzten und Toten ist seit Jahren kontinuierlich rückläufig. Menschliches Leid wird also minimiert und das war das Ziel unserer Bemühungen.

Das ging aber nicht nur mit Flugblättern und dem erhobenen Zeigefinger?

Weiss: Natürlich nicht. Wir haben neue und unkonventionelle Wege eingeschlagen, und anfangs haben das auch Kollegen kritisch gesehen. Leichensäcke vor dem Schloss sollten Studenten mahnen, vorsichtig mit dem Rad zu fahren und sich nicht alkoholisiert in den Sattel zu setzen. Wir haben Wassermelonen vor der Uni-Mensa auf dem Boden zerplatzen lassen und so ganz praktisch demonstriert, wie ein Sturz von der Leeze ohne Helmschutz enden kann. Mit Unterstützung der Uni-Unfallkliniken und des Clemenshospitals haben wir Tausenden von Schülern vorgeführt, wie die Rettungsdienste um das Leben der Unfallopfer kämpfen müssen. Das verankert sich in den Köpfen.

Wirken solche Aktionen wirklich nachhaltig?

Weiss: Da bin ich mir sicher. Wir als Polizisten sehen schon die Folgen, wo andere die Ursachen noch gar nicht erkannt haben. Der Mensch beurteilt eine Gefahrensituation stets vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erlebniswelt. Die ist bei uns umfangreicher und wir lassen den Menschen daran teilnehmen. Denn wer nach der feucht-fröhlichen Sommerparty betrunken heimradelt, kann auch ohne Fremdeinwirkung lebensgefährlich verunglücken. Ich habe hautnah gesehen, wie ein Handy am Ohr einen Autofahrer ins Grab gebracht hat. Und die Opfer der Raserei auf unseren Straßen kämpfen oft monatelang in Rehakliniken um ihre Rückkehr in den Alltag. Diese Folgen bedenkt kaum einer, der mit seinem Auto Vollgas gibt. Ein Zusammenprall mit 80 Stundenkilometern ist für Radfahrer und Fußgänger tödlich. Deshalb kontrollieren wir.

Unter Ihrer Amtszeit wurden es normal, dass auch nachts Rotlichtverstöße von Radfahrern geahndet werden und Tempokontrollen immer und überall stattfinden. Wie gehen Sie mit der Kritik an dem vermeintlichen Übermaß an Überwachung und Sanktion um?

Weiss: Ich habe immer auf eine breite Bürgerakzeptanz gesetzt. Deshalb werden beispielsweise Geschwindigkeitskontrollen angekündigt. Wir erklären offen und transparent, warum wir etwas machen. Viele haben das inzwischen verstanden.

Aber gerade die enorm intensivierten Tempokontrollen von Stadt und Polizei regen doch viele Münsteraner noch immer mächtig auf. Können Sie das zumindest nachvollziehen?

Weiss: Eigentlich nicht, zumal wir auch viel Zustimmung erfahren. Inzwischen haben wir zum Schutz der Bürger fast flächendeckend Tempo 50 in Münster und das entschleunigt maßgeblich den Verkehr. 2010 hatten wir auf den Ringen, wo Tempo 70 erlaubt war, noch 709 Unfälle. Jetzt sind es nur noch 413. Die Menschen kommen trotzdem nicht später am Ziel an.

Was macht Udo Weiss nun im Ruhestand?

Weiss: Erst einmal kräftig durchatmen und entspannen. Mein Hobby Rudern ist in den vergangenen Jahren etwas zu kurz gekommen. Ich will nun wieder die 1000 Kilometer pro Jahr im Boot packen. Und nebenbei habe ich als Referent zum Thema Verkehrssicherheit auch künftig noch einige Botschaften zu vermitteln.

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