Sensationsfund
Dieser Tote machte Münster Angst

Münster -

Archäologen haben an der Jüdefelderstraße einen Sensationsfund gemacht. In einem Grab wurde offenbar ein Mensch beerdigt, den seine Zeitgenossen für einen „Untoten“ hielten.

Freitag, 10.06.2016, 07:11 Uhr aktualisiert: 10.06.2016, 07:15 Uhr
Die Grabungshelfer Simon Stamer (l.) und Hassan Bakko legen das auf dem Bauch liegende Skelett frei.
Die Grabungshelfer Simon Stamer (l.) und Hassan Bakko legen das auf dem Bauch liegende Skelett frei. Foto: kal

Sensationsfund an der Jüdefelderstraße : Bei Ausgrabungen haben Archäologen das perfekt erhaltene Skelett eines Toten freigelegt, der auf dem Bauch liegend beerdigt wurde. Die ungewöhnliche Art der Bestattung deutet nach Einschätzung von Stadtarchäologin Dr. Aurelia Dickers darauf hin, dass es sich um einen „ Untoten “ handeln könnte, der in der Volkskunde als Verwandter der Vampire eingestuft wird.

Dabei handelt es sich um Verstorbene, die von ihren Zeitgenossen für gefährlich gehalten wurden. Man bestattete sie nicht auf einem christlichen Friedhof, sondern auf einem Müllhaufen – und legte sie mit dem Gesicht nach unten in die Erde. So sollte verhindert werden, dass der Verstorbene mit seinen „bösen Augen“ vom Sarg aus Kontakt zu den Lebenden aufnimmt, um ihnen die Lebenskraft abzusaugen – und sie so mit in den Tod zu ziehen. Diese Art der Bestattung – und mit ihnen die Angst vor „Untoten“ – war vor allem im Mittelalter in weiten Teilen Europas verbreitet.

Skelett an der Jüdefelder Straße

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  • Einen in Münster bislang einzigartigen Fund haben Archäologen jetzt bei Ausgrabungen im Kuh­viertel, unweit der Überwasser­kirche gemacht.

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  • Am Rande der Grabungsfläche, auf der später eine Turnhalle gebaut werden soll, legten sie ein Skelett frei – obwohl sich an dieser Stelle nie ein Friedhof befunden hat.

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  • Mehr noch: Der unbekannte Tote wurde auf dem Bauch liegend, mit dem Gesicht nach unten, bestattet. Nach Einschätzung der müns­terischen Stadtarchäologin Dr. Aurelia Dickers könnte es sich um das Grab eines Selbstmörders oder ei­ner anderen Person vom Rande der Gesellschaft handeln, die von ihren Zeitgenossen als „Untoter“ beerdigt wurde.

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  • Untote gelten in der Volkskunde als eine Art „Vampire“. Vor allem im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurden Personen, die von den Menschen als gefährlich erachtet wurden, mit dem Gesicht nach unten beerdigt, damit sie anderen keine Lebenskraft „absaugen“ können.

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  • Das Skelette wurde in­zwischen geborgen und soll in Kürze anthropologisch un­tersucht werden.

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Auch der Tote von der Jüdefelderstraße wurde offenbar auf einem Müllhaufen bestattet. Die Archäologen haben in seiner unmittelbaren Umgebung etliche Tierknochen gefunden. Die nächste Kirche samt Friedhof ist mehrere Hundert Meter entfernt. „Zudem wurde der Tote nicht in Ost-West-, sondern in Nord-Süd-Richtung bestattet“, erläutert Dickers. Für Münster sei eine solche „Sonderbestattung“ bislang einzigartig.

Inzwischen ist das Skelett von Archäologen geborgen worden, es soll in Kürze von einer Anthropologin untersucht werden. Aktuell steht nur fest, dass es bestens erhalten ist, der Tote etwa 1,70 Meter groß und vermutlich noch recht jung war. Wissenschaftliche Untersuchungen sollen klären, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte, auch das ungefähre Alter und Krankheiten lassen sich bestimmen. Äußere Anzeichen auf einen gewaltsamen Tod gibt es nicht. Nach den wissenschaftlichen Untersuchungen sollen die sterblichen Überreste auf einem Friedhof bestattet werden.

Warum der Tote für gefährlich gehalten wurde, ist bislang unklar – Dickers hält es für möglich, dass die Person Selbstmord begangen hatte oder aus anderen Gründen ein Dasein am Rande der Gesellschaft fristete. „Die Münsteraner scheinen jedenfalls große Angst gehabt zu haben, dass der Tote zurückkehrt“, mutmaßt Dickers.

Auf jeden Fall sei die Leiche vor 1700 bestattet worden, betont die Stadtarchäologin. Sie hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Bestattung bereits im späten Mittelalter erfolgte.

Bauchbestattungen waren einst bei „Untoten“ weit verbreitet. Nicht selten wurden die Leichen zusätzlich mit Steinen beschwert oder sogar gefesselt. Dies scheint beim Toten von der Jüdefelderstraße nicht der Fall gewesen zu sein.  

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