Öffentliche Bücherregale in Münster
Von Harry Potter bis „Andorra“

Münster -

Sie sind ein Renner. Öffentliche Bücherregale gibt es an vielen Stellen in der Stadt. Wir haben nachgefragt, wer sie eigentlich nutzt.

Dienstag, 10.01.2017, 15:45 Uhr aktualisiert: 10.01.2017, 21:22 Uhr
Das öffentliche Bücherregal am Rosenplatz, direkt hinter der Bushaltestelle Kuhviertel, erfreut sich großer Beliebtheit. Viele Bücher wechseln hier regelmäßig ihre Besitzer.
Das öffentliche Bücherregal am Rosenplatz, direkt hinter der Bushaltestelle Kuhviertel, erfreut sich großer Beliebtheit. Viele Bücher wechseln hier regelmäßig ihre Besitzer. Foto: Oliver Werner

Ein Passant mit leuchtenden Augen steht vor dem öffentlichen Bücherregal am Rosenplatz, eines von fünf in Münster . Der 2009 hier errichtete Bücherschrank befindet sich direkt hinter der überdachten Haltestelle Kuhviertel. Einige steuern das Regal gezielt an, andere überbrücken so die Zeit, während sie auf den Bus warten.

Die Nutzung der öffentlichen Bücherschränke ist vielerorts inzwischen ein Selbstläufer.

Anfang der 90er Jahre errichtete das Aktionskünstlerduo Clegg & Guttmann die ersten dieser Art als künstlerische Installationen. Heute sind zahlreiche öffentliche Bücherregale in ganz Deutschland zu finden. In Münster wurde 2009 das erste eingeweiht – dem am Rosenplatz.

Das Prinzip ist simpel: Jeder Nutzer kann sich frei an den vorhandenen Büchern bedienen, muss aber im Gegenzug welche hineinstellen. Dennoch ist es schwierig die öffentlichen Bücherschränke mit Tauschbörsen zu vergleichen. Da die Nutzung nicht überwacht wird, bedienen sich die einen ausschließlich, um ihren Lesevorrat aufzustocken. Andere wollen einfach nur ihre alten Bücher aussortieren.

Auch im Multifunktionshaus des Sportvereins Blau-Weiß Aasee steht ein öffentliches Bücherregal. „Nehmt sie euch!“, sagt Annette Erthel , die Initiatorin, auch zu Besuchern von auswärts.

Der Blau-Weiß Aasee versteht sich als mehr als nur ein Sportverein, bietet Sprachkurse an, engagiert sich sozial und organisiert kulturelle Veranstaltungen. Seit 2010 gibt es das öffentliche Bücherregal.

Jede Woche sortiere ich alte Bücher aus dem Regal aus. Es kommen immer wieder neue dazu.

Annette Erthel, die Initiatorin der Aktion

Die Idee der öffentlichen Bücherschränke – auch „books outdoor“ genannt – boomt. Wer nach Klassikern deutscher Literatur in alten, kunstvoll verzierten Einbänden sucht, kommt genauso auf sein Kosten wie jemand, der sich für moderne Bücher interessiert. Neben einer Taschenbuchausgabe von Max Frischs „Andorra“ tauchen ein englischer Harry Potter-Band oder Teile von Stephanie Meyers Biss-Reihe auf.

Die weiteren drei Bücherschränke in Münster sind in der Hoyastraße nahe der Kreuzkirche, am Kanonierplatz und an der Alten Post in Berg Fidel. Die Bücherregale wurden in der Regel auf private Initiative hin errichtet. Sogenannte „Bücherschrankpaten“ kümmern sich darum, dass die Regale in gutem Zustand bleiben. Im Kuhviertel haben Thomas Goeken, Besitzer der gleichnamigen Galerie, und Margarete Overmann, Inhaberin des Antiquitätengeschäfts „Belle Epoque“ ein Auge auf das Regal. Ihre Geschäfte liegen beide auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

„Nach einem Unwetter schaue ich nach dem Rechten. Manchmal nehmen auch Jugendliche die Bücher aus dem Schrank und werfen sie auf die Straße“, berichtet Margarete Overmann.

Das Nutzungsverhalten bei öffentlichen Bücherschränken hat Michael-Burkhard Piorkowsky, Professor für Haushalts- und Konsumökonomie am Institut für Ressourcenökonomik an der Universität Bonn, im Jahr 2008 untersucht. In seiner Studie stellte sich das Projekt als gut funktionierendes Versorgungssystem heraus. Vor allem für Geringverdiener sei der öffentliche Bücherschrank eine Alternative zur Bücherei.

„Am Anfang habe ich Buchhandlungen und Büchereien in der Stadt gar nicht mehr besucht. In unserem Bücherschrank gab es so viele tolle Bücher“, sagt Annette Erthel.

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