Servicekraft bei den Alexianern
Kellnerin – trotz Sehbehinderung

Münster -

Franziska Hesener (27 Jahre) arbeitet als Service-Kraft in der Waschküche der Alexianer. Mit ihrer Sehbehinderung sieht sie die Dinge allerdings anders.

Dienstag, 16.05.2017, 11:00 Uhr aktualisiert: 16.05.2017, 12:07 Uhr
Franziska Hesener arbeitet in der Waschküche der Alexianer.
Franziska Hesener arbeitet in der Waschküche der Alexianer. Foto: Jona-Schülerseminar

Franziska Hesener (27 Jahre) arbeitet als Service-Kraft in der Waschküche der Alexianer. Mit ihrer Sehbehinderung sieht sie die Dinge anders. Trotz Einschränkungen behält sie sowohl bei der Arbeit als auch in ihrem Privatleben den Überblick. Mit ihr sprachen Julia Wyrott und Lena Dülberg.

Wieviel können Sie sehen?

Hesener: Das Wesentliche kann ich erkennen, aber ich sehe nicht scharf. Was weiter weg ist, wird unschärfer. Das Nahe sehe ich ganz gut. Oft habe ich Probleme, Dinge in meiner Umgebung zu erkennen, wenn ich von einem hellen Raum in einen dunklen gehe oder andersherum. Dann verschwimmt für einen Moment die Umgebung, bis sich meine Augen an das Licht gewöhnen. Im Café sehe ich manchmal die Spalten in den Tischen nicht. Dann kann es passieren, dass beim Absetzen das Getränk umkippt.

Sie sehen nicht gut. Können Sie denn besser hören oder riechen?

Hesener: Ich höre besonders gut. Da muss ich immer an eine Situation denken. Im Untergeschoss war eine Mitarbeiterin noch beschäftigt und meine Chefin wartete auf sie. Sie fragte dann, wo sie bleibe. „Sie kommt doch“ sagte ich. Ich hatte die Bürotür gehört, meine Chefin konnte dieses leise Geräusch nicht wahrnehmen und war verwundert, dass mein Gehör so gut ist.

Gibt es eine Bezeichnung für Ihre Sehbehinderung?

Hesener: Das weiß ich nicht genau. Es sind mehrere Krankheiten: Augenzittern, Grauer Star und andere. Alle zusammen ergeben ein großes Ganzes, weshalb ich eingeschränkt in meiner Sehstärke bin. Die Sehschwäche habe ich seit der Geburt und ich kenne es nicht anders.

Ist Ihre Krankheit operativ behandelbar?

Hesener: Nein und selbst wenn, würde ich es nicht machen wollen. Ich sehe lieber eingeschränkt und weiß, was ich für Grenzen habe. Besser, als mich operieren zu lassen und nicht zu wissen, was dabei herauskommt. Ich lebe jetzt seit 27 Jahren mit der Krankheit und sie stört mich nicht. Ich bin es gewohnt und es ist meine eigene Normalität, es ist ein Teil von mir.

Gibt es Situationen im Alltag, in denen Sie durch ihre Sehbehinderung eingeschränkt sind?

Hesener: Ich fahre mit dem Zug eine halbe Stunde zur Arbeit. Dabei habe ich keine Probleme. Aber, wenn ich durch Münster laufe und die Sonne strahlt, sehe ich die leuchtende Ampelfarbe nicht. Ich weiß nicht, ob sie grün oder rot ist. Dann höre ich entweder auf das Blindensignal oder achte auf die Fußgänger an der Ampel: wenn die Leute um mich herum loslaufen, setze ich mich auch in Bewegung. Die Ampel wird dann schon grün sein. Das Vertrauen muss ich einfach haben.

Wie kam es dazu, dass Sie in der Waschküche der Alexianer arbeiten?

Hesener: Ich habe eine Schule für Sehbehinderte besucht. Dann habe ich meine Ausbildung zur Hauswirtschafterin gemacht. Ich wollte arbeiten und meine erworbenen Fähigkeiten umsetzten, doch nach 50 geschriebenen Bewerbungen bekam ich nur Absagen. Aus Verzweiflung bin ich dann zu einer Berufsberatungsstelle gegangen. Von dort wurde ich zu einem Probearbeiten in das St. Barbara Haus nach Dülmen geschickt, wo ich einen Monat arbeitete. Die restlichen zwei Monate absolvierte ich in der Waschküche der Alexianer, wo ich nun seit 2012 beschäftigt bin.

Viele andere Sehbehinderte üben Büro-Jobs aus. Warum ist dieser Beruf nichts für Sie?

Hesener: Ein Büro-Job kommt für mich auf keinen Fall in Frage. Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich acht Stunden rumsitzen müsste. Viele der Arbeitgeber, von denen ich abgelehnt wurde, glaubten, dass ich aufgrund meiner Sehbehinderung zu langsam wäre. Aber das stimmt überhaupt nicht. Meistens müssen mir meine Chefin oder andere Mitarbeiter sagen, dass ich einen Gang herunter schalten soll, damit ich keine Gäste oder Tische umrenne. Es wäre bestimmt interessant, einen Schrittzähler zu tragen. Da würden einige Kilometer bei herumkommen.

So ein Alltag im Café kann auch mal sehr anstrengend und stressig sein. Wie gleichen Sie das aus?

Hesener: Ich habe zu Hause ein Pferd, um das ich mich kümmere. Es sieht aus wie das von Pippi Langstrumpf. Ich habe versucht, die Flecken zu zählen, aber es sind zu viele. Meine Eltern betreiben nebenerwerblich einen Bauernhof mit sehr vielen Tieren. Da helfe ich immer gern mit und lenke mich so von manchen Tagen und anstrengenden Kunden ab.

Was haben Sie für Tätigkeiten in der Waschküche und im -salon nebenan?

Hesener: Ich bin nur in der Waschküche tätig und das im Bereich Service. Ich bringe bestelltes Essen, räume die leeren Gläser ab und helfe ab und zu in der Küche. Also so ziemlich alles. In dem Waschsalon nebenan arbeite ich nicht. Das ist ein anderer Bereich der Alexianer.

Wie kommen Sie mit ihrem Beruf in Bezug auf Ihre Sehschwäche zurecht?

Hesener: Sehr gut. Dadurch, dass wir hier ein bunt gemischter Haufen sind, bestehend aus Personen mit psychischen Behinderungen, Hör- sowie Seheinschränkungen und Lernbehinderungen, wissen wir, dass die Fehler, die wir alle machen, nicht absichtlich passieren. Wir arbeiten schon lange als Team zusammen und fühlen uns hier super wohl. Das Miteinander ist hervorragend und beispielhaft für eine entspannte Atmosphäre. Die Gäste bemängeln daher nur, dass es manchmal keinen Schokopudding gibt.

Entstehen bei der Arbeit in der Waschküche auch Freundschaften?

Hesener: Ja! Ich habe sogar einen Arbeitskollegen, den ich schon seit meiner Schulzeit kenne. Wir haben die Ausbildung zusammen gemacht und arbeiten gemeinsam in der Waschküche. Im Sommer feiern wir wahrscheinlich in der Waschküche unsere 20-Jährige Freundschaft. Denn hier kann man super private Feste feiern.

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