Krankenversicherung für alle Migranten
Auch Kinder ohne Wohnung

Münster -

Es gibt Migranten – vor allem aus Osteuropa – die keinerlei Krankenversicherung besitzen. Die Clearingstelle „Klar für Gesundheit“ kümmert sich um sie.

Montag, 29.05.2017, 20:00 Uhr
Sie stehen vor einem Bild, das Münsters internationale Bedeutung kennzeichnet: Einzug des niederländischen Gesandten Adriaen Pauw in Münster im Jahr 1646. Stefanie Glaßmeier vom Caritasverband, Merle Heitkötter vom Gesundheitsamt und Freddy Kika von der GGUA (v.l.)..
Sie stehen vor einem Bild, das Münsters internationale Bedeutung kennzeichnet: Einzug des niederländischen Gesandten Adriaen Pauw in Münster im Jahr 1646. Unser Foto zeigt (v.l.) Stefanie Glaßmeier vom Caritasverband, Merle Heitkötter vom Gesundheitsamt und Freddy Kika von der GGUA. Foto: bn

Das Bild an der Wand in der Rathaus-Rüstkammer zeigt reisendes Volk. Der niederländische Gesandte Adriaen Pauw zieht im Jahr 1646 pompös in Münster ein. Pompöser als heute so mancher Migrant aus dem Osten Europas.

1646 ging es um Frieden für Europa. Heute setzen sich Stefanie Glaßmeier vom Caritasverband, Merle Heitkötter vom Gesundheitsamt und Freddy Kika von der GGUA für den sozialen Frieden in einem Vereinigten Europa ein.

„Klar für Gesundheit“ – so heißt ihre Clearingstelle, die sich seit Oktober für die Gesundheitsversorgung von Zugewanderten stark macht. Was sie dabei in den ersten Monaten am meisten beeindruckt hat, fasst Glaßmeier kurz zusammen: „Ich wusste nicht, dass es in Münster obdachlose Kinder gibt.“

Mit dieser Clearingstelle ist Münster vorbildlich. In NRW gibt es nur fünf. Wie groß das Problem ist, kann man vorerst nur schätzen. Im Haus der Wohnungslosenhilfe und der Malteser Migranten Medizin haben sich im vergangenen Jahr 700 Menschen gemeldet, die nicht ausreichend versichert waren. Mit diesen Organisationen arbeitet die Clearingstelle zusammen.

Betroffen sind oft EU-Bürger aus Osteuropa. Sie dürfen einreisen, bis zu einem halben Jahr nach Arbeit suchen. Aber sie sind in dieser Zeit nicht krankenversichert – außer durch Versicherungen in ihrem Heimatland.

Freddy Kika von der Flüchtlingshilfe GGUA kennt Menschen, die sich auf Landfahrerplätzen aufhalten: „Wenn die geschlossen werden, schlafen sie unter Brücken, in ihren Autos – und darunter sind auch Kinder.“ Zwischen November und April konnten fünf obdachlose Familien mit minderjährigen Kindern versorgt werden.

Oft sind die Verhältnisse schwierig. Arbeitnehmer, die in Deutschland einen regulären Job haben, sind krankenversichert. Wer aber nur gering beschäftigt ist, fällt raus. Auch Saisonarbeiter gelten als „entsandt“. Für sie sollten die Versicherungsinstitutionen ihrer Heimat einspringen.

Eine Bulgare etwa, erklärt Stefanie Glaßmeier, könne über eine EU-Versicherungskarte verfügen: „Aber damit kann er nicht die vollen Versicherungsleistungen in Deutschland bekommen – das ist sehr kompliziert.“

Schwierig sei die Lage auch, weil Versicherungsschutz und Arbeit miteinander verknüpft seien: „Großeltern, die ihren Kindern nach Deutschland folgen und viel zu alt zum Arbeiten sind, fallen ebenfalls heraus.“ Bis Ende 2016 hätten die Sozialämter bei Migranten, die schon lange in Deutschland lebten, einen Ermessensspielraum gehabt, sagt die Caritasvertreterin. Sie konnten Sozialhilfe erhalten – verbunden mit einem Versicherungsschutz. Dies sei heute nicht mehr möglich. Immerhin habe die Stadt einen Notfallfonds von 25 000 Euro bereitgestellt, um helfen zu können.

In der Rüstkammer präsentierten Vertreter von Stadt und Hilfsorganisationen, unter anderem Stadträtin Cornelia Wilkens und Prof. Dr. Joachim Gardemann vom Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe, die Arbeit der neuen Clearingstelle.

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