Skulptur-Projekte Münster 2017
Kunst, die sprachlos macht

Münster -

Am Freitagmittag starteten die ersten Fahrrad-Führungen zu den Kunstwerken. Die Teilnehmer erlebten gleich zu Beginn unvergessliche Momente.

Freitag, 09.06.2017, 21:00 Uhr
Hito Steyerls Installation ist in der LBS zu sehen.
Hito Steyerls Installation ist in der LBS zu sehen. Foto: kal

Jonathan Carroll war bereits vor zehn Jahren in Münster. Als „beschaulich“ habe er die Stadt in Erinnerung, sagt der Journalist aus Dublin (Irland) – aber auch als kunstvernarrt. Nun ist er zum zweiten Mal bei den Skulptur-Projekten, die er so erkundet, wie es sich für Münster gehört: mit dem Rad.

Nach der Eröffnungs-Pressekonferenz startet gleich ein halbes Radtouren am Theater. Das Wetter ist so, wie es Münster oft nachgesagt wird: Es gießt in Strömen. Mitarbeiter der Skulptur-Projekte verteilen Regenumhänge, dann geht es los.

„So viele Fahrräder“

Für Tour Nummer 2 ist Maria Jäschke zuständig. Die Kunstvermittlerin spricht perfektes amerikanisches Englisch, ihre Zuhörer kommen aus der ganzen Welt. „Gestern war ich auf der Documenta in Kassel, morgen geht es wieder nach Kassel zurück“, sagt Emerson Wang, der für eine Kunstzeitung in Taiwan arbeitet. Er ist extra für die beiden Großausstellungen nach Deutschland gekommen. Hollis Roberts lebt auf Vancouver Island (Kanada), sie recherchiert für ein Kunstmagazin, das ihr Professor herausgibt. Auf die Frage, was ihr an Münster besonders auffällt, gibt sie die Standard-Antwort: „So viele Fahrräder.“ Bereits am Samstag wird sie Münster wieder verlassen – die Biennale in Venedig wartet.

Gleich die erste Station der Führung bietet einen Knalleffekt. Im Innenhof des Theaters kann man an Strippen ziehen. Was dann passiert, macht die Teilnehmer sprachlos (und soll hier nicht verraten werden). Sofort werden Kameras gezückt, auf die Linsen prasselt der Regen.

Das Skulptur-Projekte-Gefühl von 2007

Weiter geht es zum Parkplatz am Oberverwaltungsgericht, wo das Künstlerduo Peles Empire eine Skulptur in Treppengiebeloptik aufgebaut hat. Zwei weitere Führungen tauchen auf, und plötzlich ist es wieder da, dieses Skulptur-Projekte-Gefühl von 2007: Menschen aus aller Welt, die sich um Kunstwerke versammeln, ins Gespräch kommen, ihre Begeisterung über das teilen, was sie gerade sehen.

Der Regen hört auf, der Himmel reißt auf, die Umhänge werden abgelegt. Bis zur nächsten Skulptur ist es ein Stück, vorbei am Aasee geht es bis Haus Kump. Auf einer Wiese hat der Japaner Ei Arakawa Displays aufgestellt, die Gemälde in Digitalkunst verwandeln. „Sie müssen das mal im Dunkeln sehen“, rät Maria Jäschke.

Spontaner Stopp am Aasee

Auf dem Rückweg in die Innenstadt ein spontaner Stopp am Aasee: „Gehört das Kunstwerk auch zu den Skulptur-Projekten?“, fragt eine Teilnehmerin. Ja, sagt Jäschke, die beiden Betonkreise seien von Donald Judd, Skulptur-Projekte 1977. „Really?“, fragt die Besucherin aus Kanada. Die Kameras klicken, Judd kennt man schließlich in der ganzen Welt.

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Ein Moment, den man nie vergessen wird

Vorbei an Heinz Macks Brunnen und Henry Moores Skulptur unweit der Himmelreichallee geht es zur LBS, wo Kunst-Star Hito Steyerl eine Installation präsentiert – und dann zu Schüttes Beitrag auf dem Alten Zoogelände. Plötzlich passiert etwas Unerwartetes: Vor Hollis Roberts fällt eine Frau auf die Knie und starrt sie an. Eine Minute geht das so, dann erklärt ihr die Frau, die im Matsch kniet, dass diese Performance Teil der Ausstellung sei. Und so endet die Rundfahrt so, wie sie begonnen: Mit einem Moment, dem man nicht vergessen wird.

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