Kunst-Anarchisten ergänzen die Skulptur-Projekte
Humor und eine Prise Politik

Münster -

Das Klo ist wieder da, eine Strickpuppe auch und Christian Nachtigäller sowieso. Auf Münsters Kunst-Anarchisten ist Verlass. Seit der Gründung der Skulptur-Projekte 1977 setzen Münsteraner den Künstlern aus aller Welt eigene Arbeiten entgegen. Und in der Regel fällt der lokale Zugriff auf den öffentlichen Raum deftiger, deutlicher und humorvoller aus.

Dienstag, 13.06.2017, 07:00 Uhr aktualisiert: 13.06.2017, 13:15 Uhr
Am Ludgerikreisel hagelt es Kritik an der Politik der USA.
Am Ludgerikreisel hagelt es Kritik an der Politik der USA. Foto: Gerhard H. Kock

Christian Nachtigäller ist in Sachen Guerilla-Kunst ein „Wiederholungstäter“. 1997 schrieb der gebürtige Münsteraner Kunst-Geschichte, als er vor die beliebten Silber-Oldtimer von Nam June Paik eine silberne Leeze stellte. Die wurde von offizieller Seite allerdings arg rasch beseitigt. Vor zehn Jahren stellte er gegenüber vom Aasee eine „Säule der Kultur“ auf. Voriges Jahr erhielt er für seine Krippe den Bischof-Heinrich-Tenhumberg-Preis.

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Diesmal nimmt der Telgter den Monolithen von Lara Favaretto zum Anlass für einen präzisen Kommentar. Neben das Train-Denkmal, das an münsterische Soldaten bei den Kolonialkriegen in Afrika erinnert (dort fand ein Völkermord an den Einheimischen statt), platziert Nachtigäller sein Relief „Proud America“ – stolzes Amerika. Auf den rot-weißen Streifen sind Waffen, Geld und Fernbedienungen zu sehen, als blaues Feld mit Sternen dient ein Öl-Fass – unverhohlene Kritik an der US-Außen- und Wirtschaftspolitik.

Eine Form von Konsumkritik scheint der Künstler „Schneider“ auf dem Aasee vorzustellen. Auf dem Wasser dümpelt ein Klo vor sich hin. Darauf liegen zwei Fast-Food-Hamburger; ein Burger klemmt zwischen Deckel und Brille. Daneben weist ein Pfeil Richtung „Pärchenkabinen“. Sind mit dieser Sexualpraktik die beiden Burger gemeint? Ein verwegenes Sinnbild.

Am Brunnen von Nicole Eisenman an der Kreuzschanze hat es sich eine Strickpuppe ähnlich bequem gemacht wie die Figuren aus Bronze und Gips der berühmten amerikanischen Künstlerin. Lässige Haltung, lange blonde Haare, getönte Brille, Strickmütze? Das könnte Steffi Stephan sein, wenn die Figur nicht Bikini tragen würde . . . Und als Schutz-Schild hat der unbekannte Handarbeitskünstler davor geschrieben: „Ist Kunst. Kann nicht weg“.

Darüber hinaus haben sich weitere Kunst-Anarchisten online formiert. Die beiden Mitmach-Skulptur-Projekte haben allerdings jeweils eine andere Ausrichtung. Die „Schatten-Skulptura“ fordert die Menschen auf, eigene Werke in Münster zu platzieren. Am Freitag (16. Juni) um 20 Uhr findet auf der Wiese am Zwinger die Auftaktveranstaltung mit einem Picknick statt. Das Projekt „Skulpturen in Münster“ vom „Büro für unentdeckte Kunst“ mit Michael Bielitza, Gudula Bowinkelmann und Christoph Klümpel hingegen will den künstlerischen Blick der Bürger schärfen und „Kunst im öffentlichen Raum sichtbar machen“.

 

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

 

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