Skulptur Projekte Radtour-Führungen
Zerlegte Drachen an beliebten Stellen

Münster -

In der Tat: „Für jedes Kunstwerk gibt es mehrere Antworten darauf, was es sein soll und was es ausdrücken will.“ Diese Erkenntnis verkündet Kunstvermittlerin Anika Pütz gleich zu Beginn, und sie wird sich im Laufe der zweistündigen Radeltour zu einigen der Skulptur-Projekte mehrfach bewahrheiten.

Dienstag, 13.06.2017, 06:30 Uhr aktualisiert: 13.06.2017, 20:05 Uhr
Anika Pütz führte eine der ersten Fahrradtouren durch die Skulptur-Projekte und forderte die Gruppe zum Austauscht auf.
Anika Pütz führte eine der ersten Fahrradtouren durch die Skulptur-Projekte und forderte die Gruppe zum Austausch auf. Foto: Ellen Bultmann

Denn hier ist alles erlaubt: das eigene Nachdenken, das Mitreden und das In-Frage-Stellen. „Die Führungen sind auf Austausch angelegt“, stellt die Studentin klar. Die Projekte-Macher wollen nicht offizielle Sichtweisen vorgeben oder genormte Bildung weiterreichen. Die Eindrücke der Teilnehmer kommen zur Geltung, werden gezielt erfragt.

Was sehen die Kunstinteressierten hinter dem Erbdrostenhof? Stoßzähne, einen „zerlegten Drachen“, „etwas Unfertiges“ – gute Beschreibungen für Nairy Baghramians zweiteilige Skulptur „Beliebte Stellen“. Eben „Kunst im Rohzustand“, wie die Führerin es zusammenfasst. Ein Label, das zu mehreren der 35 Skulptur-Projekte passt.

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

„Nietzsches Felsen“ von Justin Matherly wirke eher wie „stabiles Pappmaché“, merkt eine Teilnehmerin an. Ist aber Beton, versichert die Kunstvermittlerin. Alle fassen das Objekt gleich an, untersuchen seine Beschaffenheit und stellen fest: „Der Fels steht ja auf Krücken.“ Genau, und die kommen aus den Krankenhäusern des Umlands, informiert Anika Pütz. So verzahnen sich während der Skulpturen-Radtour stets spontane Beobachtungen und mitgeliefertes Wissen. Das übrigens nicht nur die Führerin einbringt. Denn der Münsteraner kennt sich natürlich aus mit seinen Skulptur-Projekten und kann so einiges aus den vorigen Durchgängen beisteuern.

Radtour mit Denkanstößen

Was nicht heißt, dass die durchaus aufgeschlossenen Kunst-Radler alles über sich ergehen lassen würden. Tätowierungen, da sind sich viele einig, bergen ein Risiko: „Da kannst Du Dich den Rest Deines Lebens drüber ärgern, wenn Du es mal nicht mehr schön findest“, meint einer. Der Andere nickt: „Das wirst Du so schnell nicht wieder los.“ Also lieber doch nicht länger bleiben bei Michael Smiths Tattoo-Studio am Hansaring. Dort bekommen Menschen jenseits der 65 Rabatt, wenn sie sich ein Kunstwerk in die Haut stechen lassen. Da herrscht bei den Kunst-Erkundern die Skepsis vor.

Oder dieser Tieflader, dreist geparkt direkt am schönen „Archer“ von Henry Moore. „Das geht zu weit. Der zerstört den tollen Blick auf das Museum“, kritisiert Carmen Petri-Grote.

Nicht alles, was ein Skulptur-Projekt ist, erntet dadurch automatisch Bewunderung. „Gewöhnungsbedürftig“ und „schwer zu verstehen“ findet Hermann Ohlemeyer einige der Skulpturen – und spricht damit für mehrere Mitradler. Doch er freut sich, dass die kleine Radtour ihm neue Denkanstöße gegeben hat. Und sie hat offenbar die Bereitschaft geweckt, sich weiter mit den Projekten zu beschäftigen.

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Auch bei Marlies Busse-Ohlemeyer: „Man sollte sich darauf einlassen und nicht von vornherein sagen, es sei alles Quatsch.“ Sie ist eine von vielen Münsteranern, die die gleich jetzt zu Beginn die geführten Touren zu Fuß oder mit dem Rad nutzen, um sich fit zu machen für die Fragen auswärtiger Gäste. „Einige Bekannte haben sich schon angemeldet. Durch die Führung haben wir Informationen gesammelt, die wir weitergeben können“, nimmt sie sich vor. Kunstvermittler – davon wird es in Münster bis zum Ende der Ausstellung am 1. Oktober unzählige geben.

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