Närrische Bilanz des Chefkarnevalisten
Man braucht ein dickes Fell

Münster -

Nach 15 Amtsjahren tritt der Unternehmer Rolf Jungenblut in der kommenden Woche nicht mehr als Präsident des Bürgerausschusses Münsterscher Karneval an. Die Zukunft der lokalen Narretei betrachtet er mit gemischten Gefühlen.

Samstag, 10.06.2017, 12:00 Uhr aktualisiert: 16.06.2017, 15:58 Uhr
Rolf Jungenblut vor seiner „Ordenswand“ im Büro. Seit 1992 ist er närrisch aktiv, am kommenden Mittwoch räumt er seinen Posten als Chef des Bürgerausschusses.
Rolf Jungenblut vor seiner „Ordenswand“ im Büro. Seit 1992 ist er närrisch aktiv, am kommenden Mittwoch räumt er seinen Posten als Chef des Bürgerausschusses. Foto: hpe

Nach 15 Jahren als Präsident des Bürgerausschusses Münsterscher Karneval (BMK) tritt Rolf Jungenblut (62) am kommenden Mittwoch bei der Versammlung der Dachorganisation aller närrischen Gesellschaften nicht mehr an. Redakteur Helmut P. Etzkorn zog mit Jungenblut, der auch Chef einer Gerüstbaufirma in Hiltrup ist, eine jecke Bilanz.

Wie und wo sind Sie eigentlich vom Bazillus Carnevalitis angesteckt worden?

Jungenblut: 1990 baute die KG Bremer Platz in meiner damaligen Firmenhalle an der Hansestraße einen Karnevalswagen. Wir kamen ins Gespräch, und plötzlich war ich Mitglied in der kleinen Gesellschaft. Dann ging es Schlag auf Schlag: 1992 Sessionsrepräsentant am Bremer Platz, dann Prinzgardist. 1994 Vizepräsident im Bürgerausschuss unter Präsident Günter Honerpeick. Ich hatte Spaß an der Sache, und mein Organisationstalent wurde offenbar gebraucht.

Was war denn Ihr närrischer Höhepunkt?

Jungenblut: 1996 hatte der damalige Geprima Karlhans Dülberg im Sommer immer noch keinen Prinzen gefunden, und beim Geburtstag vom Ex-Prinzen Bruno Gerding habe ich mich dann überreden lassen. Bereut habe ich es übrigens nicht. Gegen Gerding gewann ich dann 2002 die Kampfabstimmung zum BMK-Präsidenten. Seit der Zeit ist Karneval fast schon ein Fulltime-Job für mich.

War früher denn wirklich alles besser?

Jungenblut: Vieles schon. Wir hatten noch günstige Wagenbauhallen, in den Gesellschaften gab es mehr Akteure, die Rosenmontagswagen bauen wollten. Die Bastler waren irgendwie eine große Familie, man traf sich zu Partys und tauschte Ideen aus. Das gibt es heute so nicht mehr, und das sieht man dem Rosenmontagszug auch deutlich an. Leider ist es damals nicht gelungen, eine eigene Halle nach dem Vorbild der Narren in Losser zu bauen. Ein Grundstück von der Stadt hatten wir zwar, die rund 800 000 Euro Investitionskosten konnten wir aber nicht aufbringen.

Was kann man tun, um den Rosenmontagszug attraktiver zu machen?

Jungenblut: Heute werkeln viele einsam in irgendwelchen Scheunen und Hallen vor sich hin. Die Gesellschaften fördern den Wagenbau zu wenig und stecken das Geld lieber in eine Gala als in den Bau eines Rosenmontagswagens. Das müsste sich ändern. Und die wenigen Wagenbauer, die es noch gibt, sollen sich zwecks gemeinsamer Ideenfindung in einem Arbeitskreis vereinen. Die lokalen Themen sind da, sie müssen nur erkannt und umgesetzt werden.

Viele sagen, es gibt viel zu viele Gesellschaften in Münster. Stimmt das?

Jungenblut: Natürlich. Die Kleineren müssten sich zusammentun. Das klappt aber auch nur, wenn manche Präsidenten auch endlich mal bereit wären, in die zweite Reihe zurückzutreten. Ich gehe mit 62 und mache Platz für Jüngere. Wie Karneval mit frischen Ideen und Einbindung der Nachwuchsleute aus den eigenen Reihen funktionieren kann, beweisen ZiBoMo Wolbeck und KG Hiltrup. Es muss nicht immer die Traditionssitzung sein, auch Partys sind närrisch erlaubt. Und es gibt einfach zu viele Veranstaltungen. Man nimmt sich gegenseitig das Publikum weg. Weniger wäre da mehr.

Sie haben häufiger mal die fehlende Unterstützung der Politik für das Brauchtum Karneval bemängelt. Was raten Sie dem neuen Team?

Jungenblut: Zäh bleiben, unbequem sein, ein hohes Durchsetzungsvermögen haben, Kritik wegstecken können und nicht nur ein dickes Fell, besser noch eine dicke Schwarte haben. So habe ich es jedenfalls gehalten. So lange der Zuschuss von der Stadt bleibt, wird es einen Rosenmontagszug geben. Das Verständnis für den Karneval in der Politik ist gewachsen, seitdem wir vorgerechnet haben, dass jede Session rund 22 Millionen Euro an Wirtschaftskraft in die Stadt spült.

Thema Zuschüsse: Wo liegt die Schmerzgrenze beim Bürgerausschuss?

Jungenblut: Der Umzug kostet uns 80 000 Euro. Ein Beitrag zur Brauchtumspflege, bezahlt aus Spenden, Eigenmitteln und Beiträgen. Wenn die Stadt die Preise für die Straßenreinigung und Beschilderung weiter erhöht, wird es eng.

Auf was stellen sich die Karnevalisten ein, wenn es um künftige Sicherheitskonzepte geht?

Jungenblut: Die Polizei hat schon angekündigt, ab 2018 weniger Personal für den Rosenmontagszug zu stellen. Das trifft uns hart. Sicherheit bei Großveranstaltungen im öffentlichen Raum müssen die Behörden gewährleisten, nicht wir. Auch fehlen uns die Mittel, um Sicherheitsdienste bezahlen zu können. Der Anschlag von Berlin hat uns 20 000 Besucher beim Zug 2017 gekostet. Die Leute werden bei der aktuellen Lage immer seltener zu Großveranstaltungen gehen. Darauf müssen wir uns einstellen.

Ihr Fazit nach 15 Jahren als Chefkarnevalist?

Jungenblut: Viel Arbeit, viel Geld investiert, aber auch viel Freude gehabt. Besonders stolz bin ich auf den Karnevals-Oscar, die Goldene Peitsche. Mein dunkelster Tag war der Karnevalssonntag 2016, als ich abends wegen des angekündigten Orkans den Rosenmontagszug absagen musste. Dafür wurde ich später stark angegriffen, obwohl wir im BMK ja nur um die Sicherheit der Besucher besorgt waren.

Setzt Rolf Jungenblut nun alle Kappen für immer ab?

Jungenblut: Wenn der neue Vorstand es will, stehe ich beratend zur Seite. Und wenn Oberbürgermeister Markus Lewe mal Prinz wird, mache ich den Adjutanten. 2019 erfülle ich mir einen Wunsch, den ich seit Amtsantritt habe: Ich schaue mir mal den Rosenmontagszug in Köln live an.  | Kommentar

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