Prozess am Verwaltungsgericht Münster
Familie wehrt sich gegen Betrugsverdacht - Richter ordnet Sprachgutachten an

Münster/Kreis Borken -

(Aktualisiert: 18 Uhr) Eine Familie aus Syrien erhält Asyl. Doch dann ist plötzlich von Betrug die Rede. Eltern und Kinder sollen eigentlich aus der Ukraine stammen. Jetzt liegt ihr Schicksal in der Hand eines Richters.

Montag, 26.06.2017, 16:45 Uhr aktualisiert: 26.06.2017, 18:00 Uhr
Das Verwaltungsgericht in Münster.
Das Verwaltungsgericht in Münster. Foto: Friso Gentsch

Hat der 34-jährige Familienvater Asis Kamal S. bei seiner Einreise als Flüchtling bezüglich seiner Herkunft gelogen? Eine Frage, die das Verwaltungs­gericht Münster am Montag zu klären hatte und noch nicht beantworten konnte. Jetzt soll anhand eines Sprach­gutachtens ermittelt werden, ob Asis Kamal S., seine Frau und seine beiden Kinder aus Syrien stammen oder, wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) behauptet, tatsächlich aus der Ukraine kommen.

Fest steht, dass der Kläger bei seiner Einreise nach Deutschland behauptet hat, dass er aus Syrien stamme und Kurde sei. Aufgrund dieser Angaben und ohne mündliche Anhörung des Bamf erhielten Asis Kamal S. und seine Familie die Anerkennung als Flüchtlinge. Nun soll er in seiner Flüchtlingsunterkunft in Rhede (Kreis Borken) erzählt haben, dass er in Wahrheit aus der Ukraine stamme und deutsche Behörden leicht zu täuschen seien. 

Ein Missverständnis?

Das Bamf entzog dem ­Familienvater daraufhin die Anerkennung als Flüchtling. Dagegen klagt Asis Kamal S. jetzt. Sein Anwalt Baris Yesil, selbst gebürtiger Kurde, glaubt zu wissen, wie das Missverständnis entstanden ist: „Mein Mandant ist Jeside und wird von Menschen mit arabischen Wurzeln denunziert.“

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Richter Markus Schwegmann versuchte dem Fall zunächst mit ganz einfachen Fragen auf die Spur zu kommen. Er befragte den Kläger zu Details aus seinem Geburtsort, Nachbarstädten, zu geografischen Besonderheiten wie Flüssen, Bergen oder Straßen und verglich die Angaben mit einer von ihm selbst mitgebrachten Landkarte. Er ließ sich vom Kläger aufmalen, wie die Orte angeordnet sind.

Der Anwalt war mehr als verärgert, als auch der Vertreter des Bamf ähnliche Fragen stellte. „Ist das hier ein Strafprozess, was haben Sie gegen meinen Mandanten in der Hand?“ rief er empört. Immer wieder sprach er Kurdisch mit dem Kläger, obwohl dafür der Dolmetscher zuständig ist. „Hier kennt sich keiner aus und weiß, wie es in Syrien wirklich zugeht und wie Jesiden dort leben.“

Vorerst keine Entscheidung

Richter Schwegmann behielt die Ruhe. Warum Asis Kamal S. kein einziges Wort Arabisch könne, wollte das Gericht wissen. Im Heimatdorf sei nur Kurdisch gesprochen worden, erklärte der Kläger. Aus diesem Dorf sei er so gut wie nie heraus­gekommen, er habe nie eine Schule besucht und war für das Beaufsichtigen der familieneigenen Ziegen zuständig.

Nur sein Vater spreche ein paar Worte Arabisch. Der Vertreter des Bamf glaubte dem Kläger nicht. Er stellte Fragen zum Alter des Vaters und der Mutter und fragte dann, wie jemand, der nie zu Schule gegangen sei, solche Zahlen beherrsche.

Schwegmann wollte noch Details zu der von Schleppern organisierten Flucht hören. „Es kommt in diesem Verfahren ausschließlich darauf an, ob der Kläger bei der Antragstellung auf Asyl gelogen hat oder nicht“, sagte er. Anhand der Befragung am Montag sei das nicht zu beantworten.

Deshalb ordnete er ein Sprachgutachten an, das feststellen soll, ob das Kurdische von Asis Kamal S. und dessen Frau aus Syrien oder doch eher aus russisch geprägten Ländern stammt. Das brachte den Anwalt noch einmal auf die Palme. „Es gibt im Kurdischen so viele Dialekte – und keine Sprachforscher, die diese wirklich auseinanderhalten können.“

Das sehen das Gericht und die Vertreter des Bamf anders. Der Prozess wird fortgesetzt.

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