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Skulptur-Projekte: Was die Kritiker meinen

Münster -

Die Skulptur-Projekte in Münster lassen Feuilletonisten frohlocken. Manchmal bringen sie auch kleine kritische Spitzen an. Die große Tendenz ist jedoch eindeutig: Die feine Beschaulichkeit der Kunst in Münster kommt bei den Kritikern in Deutschland besser an als die Gigantomanie der Documenta in Kassel.

Freitag, 07.07.2017, 14:33 Uhr aktualisiert: 07.07.2017, 15:23 Uhr
Münsters Kulturhimmel hängt voller Drähte: Neu- und Altbau des Theaters Münster scheinen durch die Arbeit „Matrix“ des Künstler-Studios Camp wie verknüpft.
Münsters Kulturhimmel hängt voller Drähte: Neu- und Altbau des Theaters Münster scheinen durch die Arbeit „Matrix“ des Künstler-Studios Camp wie verknüpft. Foto: Wilfried Gerharz

Ein Monat ist vergangen, der Skulptur-Projekte-Betrieb in Münster läuft routiniert und – bis auf kleine Alltagsstörungen und Eigentumsdelikte – relativ störungsfrei. 35 000 Kataloge wurden verkauft, rund 1000 Pressevertreter aus 50 Ländern waren allein am Eröffnungswochenende in Münster unterwegs. 5000 Akteure aus der modernen Kunstwelt verschafften sich erste Eindrücke. Für die meisten Beobachter der deutschen Feuilletons bietet Münster im Gegensatz zur Kunstbiennale Venedig und zur Documenta Kassel die stärker fokussierte und weniger stressende Schau zur Gegenwartskunst. Hier und da gibt es freilich auch Kritik.

WN-Special

Alles rund um die Skulptur-Projekte 2017 finden Sie in unserem Special.

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►  Nicola Kuhn, Tagesspiegel, resümiert: „Kasper König und die beiden Kuratorinnen Britta Peters und Marianne Wagner stehlen zwar weder der Biennale in Venedig noch der Documenta in Kassel und Athen die Schau, dafür ist Münster mit einem Etat von 7,7 Millionen Euro auch viel zu klein dimensioniert. Trotzdem dürfen sie sich als Gewinner wähnen. Münster fliegen die Sympathien zu, die weitaus geringere Anzahl an Werken erlaubt eine vertieftere Auseinandersetzung damit, sorgt für Entspannung statt Stress. Vor allem: Anders als in Kassel wird hier niemand politisch agitiert, der Kunst keine Aussage dekretiert.“

►  Boris Pofalla, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, meint: „Unter der umherreisenden Kunst-Kamarilla gilt Münster heute nicht mehr als Geheimtipp (dafür ist es zu bekannt), aber als wichtige und willkommene Abwechslung von den sendungsbewussten Großausstellungen in Athen, Kassel und Venedig.“

Skulptur-Projekte 2017: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

►  Burkhard Meier-Grolman, Südwestpresse, bemerkt: „Selbst die Alltagskultur wird in Münster durch die Kunst gespiegelt. Der Brite Jeremy Deller hat sich mit den Münsteraner Schrebergärtnern angefreundet, zehn Jahre lang haben sie für ihn Tagebuch geführt und man darf nun sehen, dass sich Gartenzwerge und anderer Vorgarten-Nippes perfekt mit all dem rundum sprießenden Grün vertragen. Zu einer eher ungewöhnlichen Mitmachaktion lädt (...) Ayse Erkmen in den Stadthafen von Münster. Hier können mutige Wassertreter bis zur Wade durchs kühle Nass schreiten. Das ist sicher für die Medien ein gefundenes Fressen, aber zu einem Vergleich mit Christos fantastischem orangenen Laufsteg über den Iseo-See taugt Erkmens Versuchsanordnung dann doch nicht.“

►  Christiane Fricke, Handelsblatt, wundert sich: „Die Kunst ist einer der Freiräume, die es noch gestatten, dem Mirakulösen zu begegnen. In Münster trifft man unter dem Schlossplatz auf das Wundersame. Von Teelichtern genährte Kronleuchter illuminieren via LED-Technik einen stillgelegten unterirdischen Durchgang. Man begegnet dem Wunder am Hafen, wo Menschen wie Jesus die Wasseroberfläche queren, ohne zu versinken, oder in einer alten Eisporthalle, deren ausgeweidetes Inneres Bakterien, Pflanzen und Tieren überlassen wurde.“

►  Amber Sayah, Stuttgarter Zeitung, schreibt: „König und seine Co-Kuratorinnen Marianne Wagner und Britta Peters erachten es als essenziell, die Skulptur-Projekte vor dem gierigen Zugriff des Stadtmarketings zu bewahren (...). Anders als früher sieht die Journalistin nichts Grelles und Monumentales mehr, sondern registriert eine „Verlagerung ins Innere“: Beispielhaft zählt sie Alexandra Piricis Performance „Leaking Territories“ im Friedenssaal oder Gerard Byrnes Video „In Our Time“ im Untergeschoss der Stadtbücherei auf.

►  Hanno Rauterberg, Die Zeit, spielt die Skulptur-Projekte gegen die Documenta aus: „Doch aufs Ganze gesehen, erstickt sich die Documenta mit dem Anspruch, eine Weltkunstausstellung zu sein, die gottgleich alles kennt und umfängt (...). Wie anregend, wie reich eine neue Bescheidenheit sein könnte, lässt sich gerade in Münster besichtigen (...). Wer von der einen in die andere Stadt reist, der spürt plötzlich Durchzug. Endlich Künstler, die sich auf Themen und Ästhetiken der Gegenwart einlassen. Endlich eine Ausstellung, die ihr Publikum in jene Zonen lockt, die allen vor Augen sind und doch oft übersehen werden (...). In Münster steht die Kunst nicht unter Druck. Sie darf auch mal hoffnungslos selbstverliebt sein, einfach nur ein schönes Familienprogramm oder auf sinnfreie Weise tolldreist.“

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► Brigitte Werneburg, taz, resümiert: „Die Skulptur Projekte, von Kasper König nun schon erstaunliche 40 Jahre verantwortet − dieses Mal gemeinsam mit den Kuratorinnen Britta Peters und Marianne Wagner –, haben die ästhetischen und ethischen, also sozialen und politischen Anforderungen an eine Großausstellung zeitgenössischer Kunst weitaus schlüssiger erfüllt als die darin so großspurig versagende documenta in Kassel.“

Hans-Joachim Müller, Die Welt, schreibt: „Münster ist nicht von Routine gelähmt worden. Münster hat Routine in der Spektakel-Vermeidung, in der Aufmerksamkeit für die leiseren Töne.“

Stefan Lüddemann, Neue Osnabrücker Zeitung, bemerkt: „Damit ist klar, dass wirkliche Provokationen kaum noch zu platzieren sind. Die Kämpfe um Kunst im öffentlichen Raum sind entschieden...“

Lothar Schröder, Rheinische Post, meint: „Möglicherweise ist Münster dabei, selbst ein Kunstwerk zu werden – auch mit den vielen Skulpturen früherer Projekte.“

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