So., 09.07.2017

Illegales Labor an der Uni Nicht  ganz ohne Tierversuche

Ein Rhesus-Affe mit einem Implantat wird im Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen (Baden-Württemberg) von einem Tierpfleger gefüttert. An der Uni Münster werden 40 Makaken und 120 Marmosetten gehalten.

Ein Rhesus-Affe mit einem Implantat wird im Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen (Baden-Württemberg) von einem Tierpfleger gefüttert. An der Uni Münster werden 40 Makaken und 120 Marmosetten gehalten. Foto: dpa

Münster - 

An der Universität Münster wurde kürzlich ein illegales Tierlabor entdeckt – Anlass zu einem Gespräch über die Regeln für Tierexperimente. Ein Gespräch mit einem Forscher und dem Tierschutzbeauftragen der Hochschule.

Von Karin Völker

Die Entdeckung eines illegalen Tierlabors an der Universität Münster hat die Hochschule aufgeschreckt. Den Fall untersuchen jetzt eine uni-interne Kommission und die Behörden. Tierversuche in der Wissenschaft unterliegen normalerweise einem komplizierten Genehmigungsverfahren und strengen Kontrollen. Dr. Joachim Kremerskothen, Tierschutzbeauftragter der Universität, und Prof. Dr. Stefan Schlatt, Vorstandssprecher der „Zen­tralen Tierexperimentellen Einrichtung“ des Universitätsklinikums, sprachen mit unserer Redakteurin Karin Völker über Tierversuche an der Universität.

Wie viele Forschungsprojekte mit Tieren werden derzeit an der Universität durchgeführt?

Kremerskothen: Das ist nicht leicht zu beantworten. Tierversuche sind ja auch Versuche etwa mit Fliegen. Dem Tierschutzgesetz unterliegen nur Versuche mit höheren Tieren. Dazu gehören Säugetiere, Frösche, Vögel und Krebse, nicht aber Insekten. Ich begleite die Wissenschaftler an der Naturwissenschaftlichen Fakultät, vor allem in der Biologie, bei Tierversuchen. Das sind zurzeit etwa zehn laufende Projekte, die genehmigungspflichtig sind. Es sind Versuche vorwiegend mit Mäusen, Stichlingen und Meerschweinchen.

Schlatt: An der Medizinischen Fakultät werden deutlich mehr Forschungsprojekte mit Tieren durchgeführt. Wir unterhalten dafür die „Zentrale tierexperimentelle Einrichtung“. In der Medizin gibt es etwa 300 Projekte mit Tierversuchen, etwa 1000 Mitarbeiter sind dabei involviert, darunter viele Tierpfleger.

Und um wie viele Tiere geht es dabei?

Schlatt: Es sind Zehntausende. Es gibt zum Beispiel Versuche mit fünf Mäusen und solche, für die 5000 notwendig sind.

Welche Tierarten werden denn für die medizinische Forschung in Münster gebraucht?

Schlatt: Außer Mäusen, Zebrafischen, Ratten, Kaninchen gibt es einige Lurche, Schweine und Schafe, außerdem Affen – etwa 40 Makaken und 120 Marmosetten. Die Tiere, vor allem die Affen, werden bei uns unter herausragenden Bedingungen gehalten.

Wo kommen die Versuchstiere an der Universität her?

Schlatt: Viele werden bei uns gezüchtet, wir kaufen sie aber auch in speziellen Zuchtbetrieben.

Was muss ein Wissenschaftler tun, der einen Tierversuch durchführen will?

Kremerskothen: Anzeigen und Genehmigungsanträge gehen immer an das Landesamt (LANUV) und nicht an das Veterinäramt, das vor Ort als Überwachungsbehörde agiert. Die Genehmigung ist ein aufwendiges Verfahren. Der betreffende Wissenschaftler muss dann genau begründen, warum es geboten und ethisch verantwortbar ist, Tiere für die Forschung zu verwenden. Die Kommissionen, welche über die Tierversuchsanträge entscheiden, sind mit unterschiedlichen Fachleuten aus der biomedizinischen Forschung, aber auch mit Vertretern aus den Geisteswissenschaften (z.B. Philosophie) und von Tierschutzverbänden besetzt.

Werden viele Anträge abgelehnt?

Kremerskothen: Die Anträge werden vor dem Einreichen mit dem Tierschutzbeauftragten abgestimmt und vom LANUV auf Vollständigkeit der Unterlagen überprüft. Fehlerhafte oder ungenaue Anträge gelangen so erst gar nicht in den Bewilligungsprozess.

Schlatt: Mitunter geben uns die Behörden Hinweise, wie die Projekte mit Blick auf den Tierschutz verbessert werden können. Es kommt aber gar nicht selten vor, dass sie Prüfbehörde von uns verlangt, nicht weniger, sondern mehr Tiere einzusetzen – damit die Ergebnisse der Forschung am Ende belastbar sind.

Gibt es denn gegenwärtig zunehmend mehr Tierversuche oder reduziert sich deren Zahl? Wie ist der Trend?

Kremerskothen: Die Forscher werden angehalten, Tierversuche zu vermeiden. Viele Experimente sind auch mit Zellkulturen möglich. Es gibt aber viele Versuche mit gentechnisch veränderten Mäusen. Wenn unsere Wissenschaftler bei der Genforschung am Ball bleiben wollen, kann man nicht auf solche Versuche verzichten.

Schlatt: Bei Tierversuchen gilt als Maßgabe für Wissenschaftler prinzipiell der Dreiklang „Reduction, Refinement, Replacement“. Also möglichst wenige Tiere einzusetzen, deren Behandlung verbessern und möglichst den Tierversuch durch ein anderes Verfahren ersetzen. Das ist in der medizinischen Forschung aber nicht immer möglich: Wenn wir neue Therapien oder Operationstechniken für Menschen entwickeln wollen, ist das nicht immer mit Mäusen möglich. Die Maßgabe ist immer, dass wir allen Tieren so wenig Schmerzen zufügen wie irgend möglich. Natürlich wäre es das Beste, ganz auf Tierversuche zu verzichten, wir halten es aber in manchen Fällen für gerechtfertigt, darauf zurückzugreifen – und das ist vom Gesetz ja auch vorgesehen.

Wie wird gewährleistet, dass die Tierversuche so durchgeführt werden, wie sie genehmigt sind?

Kremerskothen: Neben der Überprüfung durch den Tierschutzbeauftragten besuchen auch die zuständigen Veterinärmediziner regelmäßig die Tierhaltungen und informieren sich über den Gesundheitszustand der Versuchstiere.

Werden eigentlich alle Versuchstiere nach der Forschung getötet?

Kremerskothen: Nein. Es gibt ja viele Versuche, bei denen Tiere nur beobachtet werden, etwa die Meerschweinchen in der Verhaltensbiologie. Sie leben ganz normal und sterben irgendwann eines natürlichen Todes.

Schlatt: Das ist auch in der Medizin häufig so, vor allem bei den Affen. Bei Forschungen mit gentechnisch veränderten Mäusen werden die Tiere aber getötet, wenn wir sie hinreichend untersucht haben.

Was empfinden Sie angesichts des illegalen Tierlabors in der Hautklinik, in dem Mäuse offenbar entgegen all der Vorschriften und Richtlinien nicht sachgemäß gehalten wurden?

Kremerskothen: Ich hoffe nicht nur, sondern bin mir sicher, dass der Fall der illegalen Tierhaltung schnell und umfassend unter der Mithilfe der universitätsinternen Kommission aufgeklärt wird.

Schlatt: Ich möchte ergänzen, dass ich stolz bin, dass 99,9 Prozent aller Forscher und am Tier arbeitenden Mitarbeiter alle Regeln beachten und mit Respekt und Verantwortung Tierversuche durchführen. Deshalb hoffe ich, dass diese Verfehlungen Weniger nicht dazu führen, dass die vielen Ehrlichen darunter leiden.

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