Inklusion in der Montessori-Schule in Münster
Es geht doch

Münster -

Im Raum der Klasse B sitzen über 20 Kinder – und den meisten Lärm macht die Straßenmaschine, die vor dem offenen Fenster die Straße fegt. Niko liegt auf einer Couch und übt eng­lische Präpositionen: behind the box, under the box, in front of the box. Nebenan sitzt Emil auf dem Boden und bestimmt Wortarten. Vor ihm liegen Streifen mit Verben: Seufze! Springe! Summe! „Tuwörter“, sagt er und tut, was die Zettel von ihm verlangen. Und am Tisch sitzt Mara und zählt Kugeln, die sie in einem Töpfchen und auf einem Holzbrett verteilt. „Freiarbeit“ in der Montessori-Schule in Münster.

Donnerstag, 13.07.2017, 08:46 Uhr aktualisiert: 13.07.2017, 09:53 Uhr
Mats geht in die Montessori-Schule in Münster. So wie er lernen dort alle Kinder in ihrem eigenen Tempo.
Mats geht in die Montessori-Schule in Münster. So wie er lernen dort alle Kinder in ihrem eigenen Tempo. Foto: Stefan Werding

Die Montessori-Pädagogik sieht nicht vor, dass hinter verschlossenen Türen ein Erwachsener redet. Freiarbeit klingt zwar nach Freizeit, ist aber vor allem Arbeit. Nur dass die Kinder entscheiden, was sie wo, wann, wie lange, mit wem und wie machen. Sie warten nicht darauf, dass ihnen ein Lehrer sagt, was sie tun sollen.

Was und wie man will

Die Türen sind offen, Fenster erlauben vom Flur aus einen Blick in jede Klasse, einzelne Kinder liegen im Flur vor der Klasse auf dem Boden, um dort ungestört ihre Aufgaben zu lösen.

Die Lehrer streifen während des Unterrichts durch den Raum, wenden sich den Kindern zu, die an eine ­Magnettafel mit dem Titel „Ich brauche Hilfe“ ihren ­Namen gepappt haben.

Im eigenen Tempo

Laurin darf schon Matheaufgaben rechnen, die Kinder normalerweise erst am Ende der zweiten Klasse zu sehen bekommen. Weil der Junge aber in den letzten ­Tagen schon sein Matheheft durchgeackert hat und den neuen Zahlenraum beherrscht, darf er Grenzen überschreiten. So gibt es in der Klasse Kinder, die bis zehn, bis 100 und sogar bis 1000 rechnen. Jedes Kind lernt so seinem Lerntempo, seinen Begabungen und Interessen entsprechend.

Damit Laurin nicht nur rechnet, ermuntert ihn Lehrer Christoph Busch ab und zu, auch Deutsch zu üben. Es ist also nicht so, dass in der Montessori-Schule jeder ­machen kann, wozu er Lust hat.

Mats muss sich erst mal Gedanken über die Tageszeit machen. Für den Jungen mit Down-Syndrom ist Halbieren oder Lesen noch kein Thema. Er liegt mit der Schulbegleiterin Simone Rehberg vor der „Tageskette“, die für einen ganzen Tag steht. Wann ist Vormittag, wann Abend?

Inklusion in der Montessori-Schule

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  • Mats sitzt mit seiner Schulbegleiterin Simone Rehberg vor der „Tageskette“. Er lernt, Vormittag und Nachmittag voneinander zu unterscheiden.

    Foto: Stefan Werding
  • Mats lernt wie alle Kinder in der Montessori nach seinem Tempo.

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  • Unterstützt wird er von einer Schulbegleiterin.

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  • Freiarbeit: Klingt nach Freizeit, ist aber Arbeit.

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  • Ein Junge spielt im Sandkasten auf dem Schulhof.

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  • Wer Unterstützung braucht, heftet sein Namensschild an die Tafel.

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  • Ein Mädchen sucht sich sein Material, um damit zu arbeiten.

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  • Die Matte wird gleich auf dem Boden liegen, gelernt wird also nicht nur am Tisch.

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  • In der Klasse steht das Arbeitsmaterial, mit dem die Kinder arbeiten können.

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  • Die Perlen helfen beim mathematischen Grundverständnis.

    Foto: Stefan Werding
  • In der Klasse steht das Arbeitsmaterial, mit dem die Kinder arbeiten können.

    Foto: Stefan Werding
  • Die Lehrer streifen durch die Klasse, um den Kindern zu helfen, die nicht alleine oder mit der Hilfe anderer Schüler weiterkommen.

    Foto: Stefan Werding
  • Die Lehrer streifen durch die Klasse, um den Kindern zu helfen, die nicht alleine oder mit der Hilfe anderer Schüler weiterkommen.

    Foto: Stefan Werding
  • Die Lehrer streifen durch die Klasse, um den Kindern zu helfen, die nicht alleine oder mit der Hilfe anderer Schüler weiterkommen.

    Foto: Stefan Werding
  • Wer sonst zu sehr abgelenkt wird, kann sich mit Stellwänden und Kopfhörern "abschotten".

    Foto: Stefan Werding
  • Die Lehrer streifen durch die Klasse, um den Kindern zu helfen, die nicht alleine oder mit der Hilfe anderer Schüler weiterkommen.

    Foto: Stefan Werding

Lernen, sich selbst zu helfen

In dem Klassenzimmer lernen Kinder aus der ersten, zweiten und dritten Jahrgangsstufe gemeinsam. Neben Mats haben zwei Kinder einen anerkannten Förderbedarf: Elisa mit einer Muskel-Skelett-Erkrankung und Lena mit Glasknochen. Dazu kommen mehrere Kinder, über die Lehrerin Anja Bönisch sagt, dass sie Schwierigkeiten mit dem Sprechen oder Lernen haben. Extra-Aufmerksamkeit braucht auch ein Flüchtlingskind, das kaum Deutsch spricht.

Bei all dem hilft spezielles Material, aber auch der Sitznachbar, die Großen aus dem dritten Jahrgang oder – wenn das alles nichts bringt – die Lehrer. In der Schule am Bahnhof in Münster, in der Kinder im Normalfall von der 1. bis zur 10. Klasse bleiben, sollen die Schüler lernen, sich selbst zu helfen. Klappt das nicht, ermuntert Lehrerin Rabea Auf der Landwehr: „Such dir Hilfe.“

Eine Frage der Haltung

In der Klasse B arbeiten drei Lehrer und zwei Inte­grationskräfte. Nicht alle sind immer gleichzeitig da, trotzdem sind das Bedingungen, von denen Lehrerinnen und Lehrer an Regelschulen mit Inklusion träumen. Wieso geht an der Montessori-Schule, was an anderen Schulen nicht geht? In der Montessori-Schule ist das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung schon lange selbstverständlich. „Das ist auch eine Haltung“, sagt Schulleiterin Esther Grindel. „Wer hier arbeitet, der will auch Inklusion“, sagt sie.

Der bessere Personalschlüssel ist nur aus folgenden Gründen möglich: Eltern müssen einen Beitrag für die Kosten der Schule zahlen. Der ist abhängig vom Einkommen. Verdienen die Eltern wenig, liegt er bei 0 Euro, liegt ihr Einkommen bei über 125.000 Euro im Jahr, legen sie 411 dazu. Um das vergleichen zu können, müsste man die rund 150 bis 170 Euro abziehen, die Eltern an anderen Schulen für den offenen Ganztag zahlen.

Weniger Geld für Lehrer

Kein Lehrer an der Schule ist verbeamtet. Das spart pro Person etwa 700 bis 1000 Euro pro Monat. Von den ­Pädagogen wird jede Menge Einsatzbereitschaft verlangt – und gleichzeitig be­kommen sie weniger Geld. Das versucht die Schule durch einen besonderen Geist auszugleichen, der im Kollegium herrsche. Esther Grindel sagt: „Wir arbeiten hier im Team. Lehrer sind in ihrer Verantwortung nie allein und haben immer ihr Team hinter sich.“

Die Tochter von Lehrerin Anja Bönisch gehörte zum ersten Jahrgang der Schule. Jetzt besucht sie die Oberstufe eines Gymnasiums. Sie sagt: „Da, wo wir jetzt sind, ist Schule. Montessori war auch Zuhause.“

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