Interview mit Sven Kessler
Taxigewerbe unter Druck

Münster -

Das Taxigewerbe ist unter Druck. Die Kosten nehmen zu, eine Diskussion über die Zahl der Lizenzen ist entbrannt. Im Interview äußert sich Sven Kessler von der Taxizentrale Münster zu aktuellen Entwicklungen.

Sonntag, 16.07.2017, 10:00 Uhr
Sven Kessler ist einer der drei geschäftsführenden Vorstände der Taxizentrale Münster.
Sven Kessler ist einer der drei geschäftsführenden Vorstände der Taxizentrale Münster. Foto: kal

Der Rat hat am Mittwochabend die Taxi-Tarife angehoben. Über diese Entscheidung, aber auch über andere aktuelle Entwicklungen rund ums Taxigewerbe sprach unser Redakteur Martin Kalitschke mit Sven Kessler. Er ist einer der drei geschäftsführenden Vorstände der Taxizentrale Münster, die Aufträge an rund 220 Fahrzeuge vermittelt.

Herr Kessler, sind Sie mit der vom Rat beschlossenen Tarif-Erhöhung zufrieden?

Kessler: Dies vorweg: Wir sind im Vorfeld nicht gefragt worden. Vor zwei Jahren hatten wir selbst eine Tariferhöhung in der jetzt beschlossenen Höhe vorgeschlagen – doch damals wurde im Rat kräftig dagegen gearbeitet. Unser Vorschlag wurde abgelehnt, da er zu teuer sei. Das daraufhin erstellte Gutachten hätte man sich also sparen können. Ich habe den Eindruck, dass dort etliche über Dinge entscheiden, von denen sie keine Ahnung haben.

Sind Sie denn mit der Erhöhung zufrieden?

Kessler: Ja, das war der richtige Schritt – gleichwohl erfolgte er viel zu spät. Die Stadtwerke erhöhen jedes Jahr die Preise, bei uns ist das nicht der Fall, dabei sind wir auch öffentlicher Personennahverkehr.

Warum war die Erhöhung so wichtig?

Kessler: Weil die Kosten für die Unternehmer immer mehr zunehmen. Das fängt beim Mindestlohn an, viele Unternehmer haben Schwierigkeiten, den Mindestlohn zu bezahlen. Dann werden die Fahrzeuge immer teurer – und technisch anspruchsvoller. Die kann man kaum noch selbst reparieren. Hinzu kommen steigende Beiträge der Versicherer – und technische Neuerungen. So musste ein Fiskal-Taxameter eingebaut werden, das alle Daten zehn Jahre speichert.

Was kostet das?

Kessler: Im Schnitt 2000 Euro pro Fahrzeug. Zudem mussten neue Lesegeräte für EC- und Kreditkarten angeschafft werden. Das waren im Schnitt 1000 Euro pro Fahrzeug.

In dem Gutachten, auf ­dessen Basis die Tarif­erhöhung erfolgte, ist auch davon die Rede, dass es zu viele Taxi-Lizenzen gibt.

Kessler: Sie können die Unternehmer fragen, 90 Prozent werden sagen, dass es zu viele Lizenzen gibt. Wenn Sie dann die gleichen ­Unternehmer fragen, wem man denn die Lizenzen ­abnehmen soll, dann gibt es Achselzucken. Ich bin der Ansicht, dass man keine ­Lizenzen einziehen sollte. Unter dem Dach der ­Taxizentrale befinden sich 220 Lizenzinhaber – doch nur 157 Fahrzeuge sind ­aktuell unterwegs. Wenn ­Lizenzen eingezogen werden, wird das Auswirkungen auf die Qualität haben. Nebenbei: Bereits vor zehn Jahren hatte ein Gutachten einen solchen Schritt gefordert.

Und was ist danach passiert?

Kessler: Es gab zwei, drei Todesfälle, diese Lizenzen wurden nicht neu vergeben. Doch das war alles.

Wie hat sich eigentlich das Gewerbe in den vergangenen Jahren verändert?

Kessler: Die Zeiten, in denen Studenten oder verhinderte Künstler Taxi fuhren, gehören der Vergangenheit an. Der Job ist zum ­Beruf geworden – was den Taxiunternehmen nicht gut tut. Ich hatte selbst ein Unternehmen mit zehn Fahrzeugen, für das 50 Studenten arbeiteten. Lohn­nebenkosten mussten nicht abgeführt werden, Brutto war Netto, und das war gut für die Studenten und für mich. Heute arbeiten vor ­allem Migranten als Taxi­fahrer.

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Wie reagieren die Kunden darauf?

Kessler: Es gibt Kunden, die fahren lieber mit Deutschen und nicht so gerne mit Migranten, und es gibt Kunden, bei denen ist es um­gekehrt.

Im aktuellen Gutachten wird kritisiert, dass nicht alle Fahrzeuge auf dem neuesten Stand sind.

Kessler: Für die Taxizen­trale kann ich sagen, dass 70 bis 80 Prozent der Fahrzeuge jünger als drei Jahre sind.

Gehen bei Ihnen oft Beschwerden ein?

Kessler: Zwei bis drei in der Woche. Und bei der Stadt nie mehr als 50 im Jahr. Das sind Zahlen, die würden sich andere Unternehmen wünschen – und das bei durchschnittlich 3000 Aufträgen pro Tag, zu denen noch einmal 1000 Fahrten hinzukommen, bei denen die Gäste direkt ins Fahrzeug steigen.

Wie beurteilen Sie die Pläne für eine City-Maut?

Kessler: Was den Verkehr betrifft, ist Münster am Limit – aber welche Stadt ist das nicht? Um den Verkehr in der Innenstadt zu reduzieren, würde eine Maut Sinn machen, wobei ich davon ausgehe, dass der öffentliche Nahverkehr befreit wäre.

Wie zufrieden sind Sie mit der neuen Taxi-Vorfahrt am Hauptbahnhof?

Kessler: Sehr zufrieden, hier wurde ja auch im Vorfeld nach unserer Meinung gefragt. Es ist gut, dass dort kein Individualverkehr mehr erlaubt ist. Die Kiss-and- ­ride-Lösung – also kurz absetzen und weiterfahren – war nicht praktikabel. Viele Autos blieben länger stehen und blockierten den Bereich. Bislang sind mir keine ­negativen Erfahrungen zur neuen Vorfahrt bekannt.

Wie sieht Münsters Taxilandschaft 2027 aus?

Kessler: Private Anbieter werden stärker auf den Markt drängen. Uber in­vestiert viel Geld in Lobbyarbeit bei der EU. Ein anderes Thema werden selbst­fahrende Fahrzeuge sein – doch wer bringt dann den Koffer des Fahrgastes in die dritte ­Etage? Sicher bin ich, dass es weniger Fahrzeuge geben wird, die Kunden dann etwas länger warten müssen – aber damit zugleich die wirtschaftliche Situation für die Unternehmer und die Qualität besser wird.

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