Inklusion am Schillergymnasium
„Es haben alle zusammengehalten“

Münster -

Das Schillergymnasium ist ein Vorreiter bei der Inklusion. Als erstes Gymnasium hat es Förderschüler aufgenommen und in Regelklassen unterrichtet. Jetzt wurden die ersten von ihnen entlassen. Eine vorwiegend positive Bilanz.

Samstag, 15.07.2017, 09:00 Uhr
Zeugnis, Blumen, Geschenke (v.l.): Maksut Dibrani, Lisa Marie Teichmann, Lisa Deppe und Burhan Dibrani wurden aus dem Schillergymnasium verabschiedet. Sie waren hier vor sechs Jahren die ersten Förderschüler mit dem Schwerpunkt Lernen.
Zeugnis, Blumen, Geschenke (v.l.): Maksut Dibrani, Lisa Marie Teichmann, Lisa Deppe und Burhan Dibrani wurden aus dem Schillergymnasium verabschiedet. Sie waren hier vor sechs Jahren die ersten Förderschüler mit dem Schwerpunkt Lernen. Foto: kv

In der Aula des Schillergymnasiums im Kreuzviertel: festliche Kleider, Blumen, Geschenke, Chorgesang, Umarmungen – ja, auch Tränen. Eine Schulentlassung, wie sie zu sein hat, aber eine alles andere als normale Feier. Denn die vier Schulabgänger, die hier im Mittelpunkt stehen, sind Förderschüler mit dem Schwerpunkt Lernen.

Inklusionsprojekt erregte viel Aufsehen

Maksut und Burhan Dibrani, Lisa Deppe und Lisa Marie Teichmann sind Pioniere nicht nur am Schillergymnasium. Sie waren vor sechs Jahren die ersten Kinder, mit denen das Schillergymnasium sein weit über die Grenzen Münsters hinaus aufsehenerregendes Inklusionsprojekt startete.

Inklusion am Schillergymnasium Münster

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  • Das Schillergymnasium unterrichtet Kinder mit Förderbedarf im Lernen in den Regelklassen. Nun wurden der erste Jahrgang feierlich entlassen. Foto: Karin Völker
  • Das Schillergymnasium unterrichtet Kinder mit Förderbedarf im Lernen in den Regelklassen. Nun wurden der erste Jahrgang feierlich entlassen. Foto: Karin Völker
  • Das Schillergymnasium unterrichtet Kinder mit Förderbedarf im Lernen in den Regelklassen. Nun wurden der erste Jahrgang feierlich entlassen. Foto: Karin Völker
  • Das Schillergymnasium unterrichtet Kinder mit Förderbedarf im Lernen in den Regelklassen. Nun wurden der erste Jahrgang feierlich entlassen. Foto: Karin Völker
  • Das Schillergymnasium unterrichtet Kinder mit Förderbedarf im Lernen in den Regelklassen. Nun wurden der erste Jahrgang feierlich entlassen. Foto: karin Völker

Eine Handvoll Förderschüler, die nie das Abitur machen werden, besuchen eine Klasse voller Kinder mit Gymnasialempfehlungen – wie kann das praktisch gehen? Die damalige Klasse 5a stand unter intensiver Beobachtung, hatte über die Jahre viele Besucher: neben Pädagogen kamen Journalisten – auch wiederholt unsere Zeitung – in den Unterricht, erinnert sich Schulleiterin Anne Eyben. Sie hatte damals zusammen mit dem Sonderpädagogen Gregor Bürschel die Klassenleitung der ersten Integrationsklasse, mit „zieldifferenter“ Förderung, so der Fachterminus. Was eben bedeutet: Die einen lernen fürs Abitur. Für die Förderschüler wäre ein Hauptschulabschluss ein ungewöhnlicher Erfolg.

Keiner der vier hat das am Ende angepeilt, alle bekommen ein Abgangszeugnis nach zehn Schuljahren und nehmen nun in anderen Einrichtungen an weiteren, berufsorientierenden Bildungsgängen teil. Ein normales Ende der Schulkarriere für Jugendliche mit diesem Förderbedarf, sagen ihre Lehrer.

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Ein lachendes und ein weinendes Auge 

Die Schulabgänger waren bei der Abschlussfeier wehmütig und fröhlich zugleich: „Am schönsten war es in den ersten Jahren“, sagt Lisa Marie. Anfangs hatten die vier fast den gesamten Unterricht zusammen in ihrer Klasse 5a; es spielte keine Rolle, wer Förderkind war und wer „normaler“ Gymnasiast. „Es war toll, dass wir häufig zwei Lehrer im Unterricht hatten“, sagen die Mitschüler, die nun in der Oberstufe sind. Von der Arbeit des Sonderpädagogen Bürschel „haben alle profitiert“, erklärt Celine Wiesner. Sie kam später in die Inklusionsklasse und erlebte den großen Unterschied: „In der neuen Klasse haben alle zusammengehalten, es ist ein tolles Klima“, sagt Celine, am Ende der Verabschiedung steht sie Arm in Arm mit Lisa in der Aula.

Trotzdem war es bisweilen schwer. Vor allem im Fremdsprachenunterricht. Englisch, „da wurde am deutlichsten, wie unterschiedlich die Anforderungen an die Schüler sein mussten“, erinnert sich Anne Eyben.

Gemeinsames Lernen steht im Vordergrund

In der pädagogischen Debatte über die Inklusion an Schulen geht es auch um die Frage, ob Kinder mit Förderbedarf in Regelklassen angesichts der großen Leistungsunterschiede überfordert und frustriert werden. Auch am Schillergymnasium streiten die Jugendlichen und die Lehrer dies nicht vollkommen ab. Aber den Zusammenhalt in der Klasse, das gemeinsame Lernen unterschiedlicher Inhalte, „das hat niemand infrage gestellt“, sagt Schulleiterin Eyben. In jeden Einschulungsjahrgang am „Schiller“ wurden neue Förderschüler aufgenommen – bei der Verabschiedung singt die jetzige inklusive Klasse 5a ein Abschiedslied für die „Großen“.

Die neue schwarz-gelbe Landesregierung hat angekündigt, zieldifferente Inklusion an Gymnasien, so wie am Schillergymnasium, solle es künftig nicht mehr geben. Die Schwierigkeiten, den Bedürfnissen der Förderschüler immer gerecht zu werden – besonders bei der notwendigen Berufsorientierung in der zehnten Klasse – verhehlen die Lehrer am Schillergymnasium nicht. Und dass das dazu führte, dass die Förderschüler in ihrem letzten Schuljahr beim Unterricht weitgehend unter sich waren, empfanden alle Beteiligten als wenig glücklich.

Mehr Personal von Nöten

Anne Eyben und Gregor Bürschel sind aber weit davon entfernt, das Experiment Inklusion als gescheitert zu betrachten – im Gegenteil: „Beim sozialen Verhalten und bei der Arbeitshaltung haben die Kinder hier sehr profitiert“, betont Bürschel. Aber er erfährt im Berufsalltag als Sonderschulpädagoge an der Regelschule: „Die Inklusion braucht mehr personelle Betreuung.“

Lisas Mutter zieht dennoch ein rundum positives Fazit. „Lisa ist hier sehr gewachsen, hat eine unglaubliche persönliche Entwicklung gemacht“, sagt sie. Sie kann vergleichen. Bevor ihre Tochter im Schillergymnasium aufgenommen wurde, ging sie ein Jahr lang zur Förderschule. Und was sagt Lisa selbst? Sie hält eine Rede vor der ganzen Aula: „Danke für die schöne Zeit.“

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