Welchen Nutzen bringt Kunst für eine Stadt?
Stolz auf die Skulptur-Projekte

Münster -

Was bringen große Kunstausstellungen wie die Skulptur-Projekte für eine Stadt? Ein Uni-Seminar der Politikwissenschaft unter Leitung von Prof. Norbert Kersting ist der Frage nachgangen.

Donnerstag, 20.07.2017, 12:00 Uhr
Ein treuer Freund seit 1987: Das Skulptur-Projekt „Oktogon“ von Dan Graham wird zu jeder Ausgabe im südlichen Schlossgarten aufgestellt.
Ein treuer Freund seit 1987: Das Skulptur-Projekt „Oktogon“ von Dan Graham wird zu jeder Ausgabe im südlichen Schlossgarten aufgestellt. Foto: Gerhard H. Kock

Alle zehn Jahre lockt Münster die Freunde zeitgenössischer Kunst mit den Skulptur-Projekten. Kassel richtet seine „Documenta“ alle fünf Jahre aus. Doch was bringen solche großen Kunstausstellungen für diese beiden eher mittelgroßen und international auch nicht allzu bekannten Städte? Dieser Frage ist jetzt ein von Politikwissenschaftler Prof. Dr. Norbert Kersting veranstaltetes Uni-Seminar nachgegangen. Am Mittwoch haben die Studierenden ihre Ergebnisse präsentiert.

Die Kosten-Nutzen-Bilanz

Die angehenden Politikwissenschaftler interviewten Mitarbeiter der Kulturämter, der Stadt-Marketing-Stellen und besuchten die Ausstellungen. Ergebnis: Für Hotellerie, Gastronomie und Handel ist der unmittelbare Gewinn kleiner als gemeinhin erwartet. „Die Ausstellungen locken zwar Menschen zusätzlich in die Städte, es handelt sich aber nicht um so viele, dass der Zuwachs schwer ins Gewicht fallen würde“, erläutert Prof. Kersting. Die Kosten-Nutzen-Bilanz, so schätzen die Studierenden nach ihrer Analyse, dürfte am Ende eher für Münster ein positives Ergebnis haben.

Vor allem ein Imagegewinn 

Die Kosten für die Skulptur-Projekte sind mit knapp acht Millionen Euro für eine Veranstaltung dieser Dimension recht überschaubar, bei der Documenta wurden 37 Millionen Euro ausgegeben, 18 Millionen davon müssen allein durch den Ticketverkauf erwirtschaftet werden, so Kersting. In Münster gibt es zwar keine Einnahmen über Tickets, denn die Ausstellung ist öffentlich und kostenlos – aber es sind auch zehn Jahre Zeit für die Refinanzierung, in Kassel nur fünf.

Gar nicht hoch genug einzuschätzen sei allerdings der Imagegewinn, den die Städte durch die Ausstellungen verbuchen. „Durch solche Großveranstaltungen kommen mittelgroße Städte wie Kassel und Münster überhaupt erst auf die globale Landkarte“, stellt Kersting fest.

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Münsteraner stolz und beflügelt

Feststellbar, vor allem in Münster: Im Laufe der Zeit wächst die Identifikation mit dem Kulturereignis. Das große Unverständnis gegenüber der modernen Kunst vor 40 Jahren sei großer Offenheit gewichen. Viele Münsteraner sind stolz darauf, die Skulptur-Projekte in ihrer Stadt zu haben – ein „Feel-Good-Effekt“ für Münster, ähnlich wie die Fußballweltmeisterschaft 2006 für Deutschland, so Kerstings Vergleich.

Bei den Interviews in Kassel erfuhr das Politologen-Team, dass die Stadt, beflügelt durch die Documenta-Tradition, über eine Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas für 2025 nachdenke. Dann ist Deutschland wieder an der Reihe, die Kulturhauptstadt zu stellen. In den Gesprächen mit Vertretern der Stadt Münster stellte das Team in dieser Richtung keine Ambitionen fest.

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