Alles wollen – nichts erreichen
Warum Stadion und Musikhalle sich gegenseitig blockieren

Münster -

Gute Zitate sind wie guter Wein: Sie werden mit der Zeit immer besser.

Samstag, 22.07.2017, 18:00 Uhr
Thomas Bockelmann, ehemaliger Generalintendant des Theaters Münster  
Thomas Bockelmann, ehemaliger Generalintendant des Theaters Münster   Foto: dpa

Ein solches Zitat formulierte Thomas Bockelmann vor 14 Jahren, im Sommer 2003: „Wenn wir uns mit halbem Herzen eine Musikhalle wünschen und mit der anderen Hälfte ein Fußballstadion, dann werden wir am Ende gar nichts bekommen.“

Debatte über Großprojekte in einer Endlosschleife

Bockelmann selbst hat möglicherweise diesen in unserer Zeitung vermerkten Ausspruch längst vergessen, denn der frühere Generalintendant des Theaters Münster arbeitet heute beim Staatstheater Kassel. Für die Münsteraner indes dürfte das Zitat des Ex-Münsteraners einen Ewigkeitswert haben, denn die aktuelle politische Debatte über Großprojekte in Münster wirkt wie eine Endlosschleife.

Im Kommunalwahlkampf 1989 wurde den Münsteranern ein Stadion versprochen, im Kommunalwahlkampf 1999 eine Musikhalle. Beides existiert bis heute nicht – und getreu der Bockelmannschen Prophezeiung ändert sich auch künftig nichts daran.

Im Gegenteil: Bereits jetzt sind die Rückzugsgefechte der schwarz-grünen Ratsmehrheit beim Stadionprojekt erkennbar. Sobald dieses Veto offiziell ist, werden verärgerte Preußen-Fans auch Kulturinvestitionen nur noch mit spitzen Fingern anpacken. Diesen Punkt dürfte die münsterische Stadtgesellschaft spätestens 2018 erreichen, wenn sich der erfolgreiche Bürgerentscheid gegen die Musikhalle auf dem Schlossplatz zum zehnten Mal jährt. So zarte Pflänzchen wie der Musikcampus oder das Bildungs- und Kulturforum dürften dann zertrampelt werden.

Überforderung bei den Münsteranern

Der Grund für dieses Dilemma liegt allenfalls vordergründig am mangelnden Geld. Die eigentliche Schwäche ist die Entscheidungsschwäche. Die münsterische Stadtgesellschaft samt ihrer politischen Repräsentanten verhalten sich wie verwöhnte Wohlstandszöglinge, die nie zu Potte kommen, weil sich zu jedem Wunsch, der im Kopf herumschwirrt, gleich der nächste gesellt. Wer sich entscheidet, muss nicht nur für etwas sein, sondern auch gegen etwas. Dies überfordert die meisten Münsteraner – im Rathaus, aber auch außerhalb des Rathauses.

Nun werden Kritiker einwenden, dass zwei benachbarte Städte in einer jeweils weitaus bescheideneren wirtschaftlichen Situation, nämlich Bochum und Dortmund, beides haben: ein modernes Stadion und eine moderne Konzerthalle.

In Münster ist alles teurer

Richtig. Aber Dortmund und Bochum haben für diese „Leuchttürme“ einen Preis dergestalt bezahlt, dass Hunderte andere Begehrlichkeiten abgeschmettert wurden und bestimmt noch werden.

In einer Stadt wie Münster indes mit extrem kleinteiligen Milieus und Förderstrukturen funktioniert das nicht. Vom Konzept der dezentralen Flüchtlingsunterkünfte über die Details der Schulsozialarbeit bis hin zum Ausbaustandard neuer Fußwege ist in Münster alles einen Tacken teurer.

Kurz und gut: Bei der Alternative zwischen einer akademisch-fundierten Erörterung von Wünschen und der praktischen Erfüllung von Wünschen entscheidet sich Münsters Stadtgesellschaft stets für das, was sie kann – und zwar Ersteres.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5026618?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker