Kunst schafft Erlebnisse
Kleine Geschichten am Rand der Skulptur-Projekte 2017

Münster -

Die Skulpturen sind in der Stadt – und sie ziehen Menschen an, schaffen Kunst-Erlebnisse. Hier eine kleine Sammlung von Geschichten am Rand der Skulptur-Projekte:

Dienstag, 01.08.2017, 09:00 Uhr aktualisiert: 01.08.2017, 14:11 Uhr
Die Skulpturen sind in der Stadt – sie ziehen Menschen an und schaffen Kunst-Erlebnisse.
Die Skulpturen sind in der Stadt – sie ziehen Menschen an und schaffen Kunst-Erlebnisse. Foto: Oliver Werner

Diebe unterwegs

Der Brunnen von Nicole Eisenman an Kreuzschanze: Immer parken Dutzende von Fahrrädern auf der Wiese, die Besitzer, eben mal abgestiegen, betrachten die Kunst – während ihre Handtaschen auf dem Gepäckträger klemmen oder am Lenker baumeln. Das hat sich offenbar bei Taschendieben herumgesprochen. Zwei Frauen wurden in den vergangenen ­Tagen hier schon die Handtaschen gestohlen. Die Kunst, sie lockt nicht nur das Gute und Schöne . . . Wert­sachen lieber mitnehmen!

Vandalismus an Gipsfigur

Der Eisenman-Brunnen hat bekanntlich schon zwei Mal Vandalen angezogen. Die sitzende Gipsfigur ist nun kopflos. Wer nicht weiß, dass ihr das Haupt abgeschlagen wurde, sinnt darüber nach, was die Kopflosigkeit bedeuten könnte. An einem Morgen hat jemand ein Gebinde von Hortensienblüten in den Schoß der Enthaupteten gelegt. Die beiden Kunstvermittlerinnen nennen das eine „Intervention“ und legen die Blumen behutsam beiseite.

Ausnahme für einen New Yorker

Der Kunstexperte aus New York hat nur einen einzigen Tag, um in Münster die Skulptur-Projekte zu studieren, „time is money“. Bis zum Abend hat er einiges geschafft, jetzt noch schnell in die Eishalle, das Werk von Pierre Huyghe ansehen. Der Mann ist in Eile, nimmt ein Taxi. Ankunft 19.55 Uhr an der Steinfurter Straße. Als er am Eingang ist, schließen die Kunstvermittler gerade ab. Sorry, es ist Feierabend, Schluss für heute, sagt der junge Mann, während dem Mann die Gesichtszüge entgleisen, sein Flugzeug in die USA geht morgen früh um acht, „bitte, bitte, bitte“. Der junge Mann seufzt, schließt wieder auf, „ausnahmsweise“. Im Abendlicht ist das Endzeit-Szenario in der umgepflügten Eishalle am beeindruckendsten, erst recht, wenn man als einziger Mensch durch das Geröll im Inneren stapft. Huyghes Skulptur macht eigentlich nicht glücklich. Der Mann aus New York ist es trotzdem.

„Hier sieht‘s aus wie bei mir und meinem Mann“

Der Mann von der Museumsaufsicht hatte seinen Posten länger am Werk von Michael Dean im Atriumhof des Landesmuseums. Flatterband, amorphe Hartschaumgebilde, Herzchen-Symbole, der Titel „Tender tender“ – sei zärtlich. Zum Verständnis des Kunstwerks ist es gut zu wissen, dass der Schöpfer unlängst eine unglücklich Liebesgeschichte zu verarbeiten hatte. Der Aufseher kann nach seiner Zeit im Atriumhof viel erzählen – Szenen aus mehr als einer Ehe. Beispiel gefällig? „Hier sieht‘s aus wie bei mir und meinem Mann“, sinnierte eine Besucherin: „Totale Baustelle“.

Skulptur-Projekte 2017: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Ist das Kunst?

Die Schlange vor Gregor Schneiders Wohnung ist wieder lang. Hinten stellen sich zwei asiatisch aussehende junge Männer an, der eine selbst eine Art Sehenswürdigkeit. Sein Gesicht ist in Pastellfarben geschminkt, florale Muster in grün, rosa und Gold, ein Kunstwerk für sich, das Gesicht. Die Leute staunen, bis sich einer traut zu fragen: „Is that art?“ Der Buntgesichtige lacht und schüttelt den Kopf: „Quatsch, ich war beim Kinderschminken auf dem Straßenfest.“

Münster ist so schön!

Abends in der Schlange vor dem Friedenssaal. Die beiden schicken Berlinerinnen gucken immer er wieder nervös auf die Uhr. „Hach, Münster ist so schön“, seufzt die eine, „wir kommen immer wieder gern her.“ „Nicht nur alle zehn Jahre zu den Skulptur-Projekten“, ergänzt die andere, hievt die Einkaufstüten aus den Prinzipalmarkt- ­Geschäften ringsum hoch und löst sich aus der Schlange der auf die Pirici-Performance Wartenden. „Ich glaub, ich muss noch mal los“, sagt sie entschuldigend, „die Läden machen schließlich gleich zu“.

Kirschenzeit

Noch eine „Intervention“, diesmal am Nuclear-Temple von Thomas Schütte auf dem früheren Zoogelände. In eine der Nischen auf dem rostüberzogenen Metallgehäuse hat jemand ein per Stengel verbundenes Kirschenpaar aufgestellt, so wie auf Schüttes seit 30 Jahren am Harsewinkelplatz stehender Kirschensäule. Nur zum Essen, die Kirschenzeit ist ja noch nicht ganz zu Ende.

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