Skulptur-Projekte 2017: Neonstück „Angst“ von Ludger Gerdes am Aegidiimarkt
Im Schwindel der Freiheit

Münster -

Die Angst ist eine der wichtigsten Grenzen des Menschen.

Mittwoch, 02.08.2017, 08:30 Uhr aktualisiert: 02.08.2017, 17:02 Uhr
Schön verstörend wirkt der Leuchtschriftzug von Ludger Gerdes am Aegidiimarkt. Zwischen einem leidenschaftlich roten Golf-Spieler und einer beruhigend blauen Kirche steht in schwefelgelber deutscher Schönschrift das Wort „Angst“.
Schön verstörend wirkt der Leuchtschriftzug von Ludger Gerdes am Aegidiimarkt. Zwischen einem leidenschaftlich roten Golf-Spieler und einer beruhigend blauen Kirche steht in schwefelgelber deutscher Schönschrift das Wort „Angst“. Foto: Gerhard H. Kock

Die Angst ist eine der wichtigsten Grenzen des Menschen: Barrikade gegen die gefahrvolle Welt, das Tor zu neuen Ufern – wer es zu durchschreiten vermag. Neben „Weltschmerz“ ist „German Angst“ ein Wort der englischen Sprache geworden. Als Gast bei den Skulptur-Projekten 2017 hängt das Neon-Stück („Angst“) von Ludger Gerdes in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau am Aegidiimarkt.

Diese „Angst“ ist schon gewandert: Die Leuchtplastik hat Gerdes im Rahmen der Ausstellung „Architectuur en Verbeelding“ (Architektur und Imagination) des niederländischen Kunst-Forts Asperen im „deutschen Jahr“ 1989 geschaffen: friedliche Revolution, Mauerfall, Wiedervereinigung. Und Gerdes macht „Angst“. Das Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl erwarb die „Angst“ 1991 und ließ den Inbegriff deutscher Befindlichkeit an der Fassade des Marler Rathauses anbringen – über dem Ordnungsamt.

Links hat ein Golfspieler im Rot der Leidenschaft just einen Ball in die Ferne gedroschen; rechts leuchtet der Umriss einer Kirche in vertrauensseligem Blau. Dazwischen in Deutscher Normalschrift von 1941 in Schwefelgelb das unheimliche angstmachende Wort.

Der „Erfinder“ der Angst war Sören Kierkegaard. Der Däne hob die Furcht auf ein höheres, philosophisches Niveau. So etwas gefällt dem Land der Grübler und Bedenker. Die Angst lässt die Ohnmacht vor Unabänderlichem und die Macht zur Veränderung spürbar werden. Diesen „Schwindel der Freiheit“ ertragen dauerhaft die Wenigsten. Flucht ist für viele das Mittel der Wahl, Flucht vor allem vor der natürlichen Grenze der individuellen Endlichkeit, dem Tod. Der Golfspieler kann hier für Wohlstand, Fitness-Kult und Konsum stehen, die Kirche für die Zuflucht in eine vorgestellte Ewigkeit, eine Erlösung von Schuldgefühlen, eine umfassende Welterklärung, die den unruhigen Geist stillt.

Kierkegaard fordert indes vom Menschen „ein Abenteuer, das jeder Mensch zu bestehen hat: Dass er lerne sich zu ängsten, denn sonst geht er dadurch zugrunde, dass ihm nie angst war, oder dadurch, dass er in der Angst versinkt; wer hingegen gelernt hat, sich recht zu ängsten, der hat das Höchste gelernt.“ Oder wie die Theologin Dorothee Sölle es formulierte: „Ohne Angsterfahrung und Angstannahme keine Menschwerdung.“

Durch die Kooperation der Skulptur-Projekte mit Marl hängt die „Angst“ von Gerdes (am Horstmarer Landweg liegt seit 1987 sein „Schiff für Münster“) am Konsum-Palais Aegidiimarkt – zur Nacht wie eine Leuchtreklame. Der Neurowissenschaftler Gerald Hüther charakterisiert die Angst als Hinweis auf eine innere Irritation der Netzwerke im Gehirn. Nicht Mut, sondern dies sei die Triebfeder für Veränderung, um letztlich im Einklang mit sich selbst zu sein. Das kann konsumkritisch werden, denn so Hüther: „Wer glücklich ist, kauft nicht.“

Zum Thema

Die WN stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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