Kutschfahrt durch Europa
Die langsame Art des Reisens

Münster-Coerde -

Franziska Sophie Heck (29) und Baptiste Le Pennec (26) sind auf einer ruhigen Wiese am Hof Bölting gestrandet. Ihre Reise mit ihren beiden neunjährigen Comtois-Pferden Flocky und Aiko vor der Kutsche durch Europa, die im Mai 2016 bei Lörrach begann, ist unterbrochen. Beinahe hätte die Fahrt nach einem Unfall frühzeitig beendet werden müssen.

Mittwoch, 02.08.2017, 07:32 Uhr
Kutschfahrt durch Europa : Die langsame Art des Reisens
Reisepause: Franziska Sophie Heck und Baptiste Le Pennec sind am Hof Bölting untergekommen. Ihre Kutsch-Reise mit den Comtois-Pferden Flocky und Aiko durch Europa, die im Mai 2016 bei Lörrach begann, ist momentan unterbrochen. Foto: kaj

4800 Kilometer haben sie schon zurückgelegt, wollten an der Reitanlage in den Rieselfeldern eigentlich nur eine kleine Pause auf dem Rückweg mit Ziel Bretagne einlegen, als Flocky plötzlich auf drei Beinen stand. Dieter Bölting fuhr mit dem Pferd zur Tierklinik: Hufgeschwür. Jetzt heißt es abwarten. Die Pferde stehen im Stall und strecken ihre Köpfe morgens nicht in die Kutsche.

1200 Kilometer liegen noch vor den beiden jungen Leuten, bis sie in Baptiste Le Pennecs französischer Heimat in Guingamp angekommen werden. Franziska Sophie Heck stammt aus Stuttgart, ist sozialtherapeutische Sozialarbeiterin, hat in Münster studiert und ihren Bachelor gemacht. Ihr Freund ist Fitnesstrainer und Judoka (2. Dan). Kennengelernt haben sie sich am Strand des Schwarzen Meers in Rumänien.

Vorbereitungszeit über zwei Jahre

Für ihr Abenteuer haben sie gespart und sich zwei Jahre vorbereitet. Heck machte den Kutschenführerschein, einen Erste-Hilfe-Kursus fürs Pferd, einen Basiskurs Pferdekunde und nahm Reitunterricht. Le Pennec baute den Aufbau des Wagens – möglichst leicht mit Plane.

Die Kutschenplattform kauften sie. Gaskocher, Holzofen, Notfall-Apotheke, Handy, Decken und Schlafsäcke – das war die Basis. Zum Schluss kauften sie die Pferde: Es sollten ältere und erfahrene sein. Hütehund Avalu fährt mit.

Sie wollten reisen: Frei sein zu entscheiden, wie lange und wohin. Das grobe Ziel: Osteuropa. Sie fuhren durch Österreich, Ungarn, Kroatien, Rumänien, Slowakei und sind jetzt auf dem Heimweg.

Kurzer Schreckmoment

Fast wäre die Reise schon nach zwei Monaten zu Ende gewesen. Auf einer kleinen Brücke in Österreich überholte sie ein Laster so eng, dass sie vom der Straße abkamen, die Kutsche fiel um. „Der österreichische Humor hat uns gerettet“, sagt Franziska Heck. Die Österreicher hätten nicht groß auf Bedauern gesetzt, sondern auf Tatkraft. „Wir waren noch am Überlegen, ob dass das Ende wäre, da hatten sie uns den Wagen schon ruckzuck in 24 Stunden repariert.“

Der österreichische Humor hat uns gerettet.

Franziska Heck

Idylle pur war die Reise nicht. Es ging nicht nur über kleine Straßen mitten durch die Natur, sondern auch mal mitten durch den Verkehr. „Wir haben immer versucht, Städte zu meiden und am Rand entlang zu fahren“, erzählt Baptiste Le Pennec. Etwa drei Stunden pro Tag seien sie gefahren. Sie erlebten den ungarischen Winter: minus 20 Grad Celsius draußen und minus 15 Grad im Wagen.

Sie erfuhren nicht nur in Österreich Hilfsbereitschaft. In Rumänien trafen sie im Winter Roma, die mit ihren Kutschen unterwegs waren, und wurden eingeladen, mit ihnen zu essen und bei ihnen zu rasten. „Abends sagte einer von ihnen: ,Ich passe heute Nacht auf eure Pferde auf‘“ erzählt Franziska Heck. „Und er hat wirklich bei zwei Grad draußen gelegen und unsere Pferde bewacht.“

Skurrile Traditionen

Franziska Heck ist sprachbegabt. Die wichtigsten Infos und Fragen samt Übersetzung in Landessprache hatten die beiden trotzdem auf einem Zettel parat: „Hallo, wir sind Baptiste und Franziska auf Reise. Wir suchen eine Wiese für unsere Pferde. Wir haben einen Zaun dabei, wir schlafen im Wagen. Wo ist ein Hufschmied, wo ist ein Tierarzt?“

In Ungarn und Rumänien kamen sie ins Fernsehen, das half bei der Suche nach dem Rastplatz. Heck: „Wir reisen eigentlich, um mit den Leuten zu kommunizieren.“ Es interessiere sie, was die Menschen von der Politik dächten, wie sie ihr Land sähen.

Sie haben Menschen kennengelernt, die von ihrer Familiengeschichte erzählt haben und sie in ihre Familien eingeladen haben. Sie haben von skurrilen Traditionen erfahren, etwa dem „Trecker-Hänger-Rückwärts-Schiebe-Fest“. Sie haben Freiheit erlebt. Aber auch Abhängigkeit „von der Struktur, die man vorfindet“.

In der Bretagne wartet das nächste Abenteuer. „Sesshaftigkeit“, sagt Franziska Heck lächelnd. Sie möchten ihre Pferde behalten und einen Hof bewirtschaften: „Soziale Landwirtschaft“ ist das neue Ziel.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5050575?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker