Lara Favarettos „Momentary Monument – The Stone“ am Ludgerikreisel
Ein Stein weckt Erinnerungen

Münster -

„Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ Vor 500 Jahren ließ Dominikanermönch Johann Tetzel verzweifelte Herzen mit diesem Klang beruhigter schlagen. Nun erfreut Lara Favaretto die Menschen mit dem Sound der Münzen.

Freitag, 04.08.2017, 06:56 Uhr aktualisiert: 04.08.2017, 07:00 Uhr
Der weiße Stein von Lara Favaretto verweist auf das Train-Denkmal, mit dem unter anderem dem „Heldentod“ von Münsteranern bei kolonialen Kriegen gedacht wird.
Der weiße Stein von Lara Favaretto verweist auf das Train-Denkmal, mit dem unter anderem dem „Heldentod“ von Münsteranern bei kolonialen Kriegen gedacht wird. Foto: Gerhard H. Kock

„Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ Vor 500 Jahren ließ Dominikanermönch Johann Tetzel verzweifelte Herzen mit diesem Klang beruhigter schlagen. Nun erfreut Lara Favaretto die Menschen mit dem Sound der Münzen. Doch während der Ablasshändler des Mittelalters für das Seelenheil der Gläubigen sowie für Fürsten, Päpste und Petersdom sammelte, hat die Künstlerin aus Turin einen Sparstein für Menschen am Ende der Hoffnung aufgestellt: Abschiebe-Häftlinge.

Die sitzen teilweise monatelang im Gefängnis, um „der Behörde die Durchführung der Abschiebung zu erleichtern“, schreibt der Verein „Hilfe für Menschen in Abschiebehaft Büren“, der den Hoffnungslosen gleichsam noch einmal ein Zeichen der Menschlichkeit vermitteln will. Dem Verein kommt nach Ende der Skulptur-Projekte das Geld zugute, das die Besucher in den Schlitz werfen. Und geht man vom Klang aus, ist bereits einiges zusammengekommen.

Die italienische Künstlerin hat diesen Stein, der Anfang Juni fast wie aus dem Nichts kam, an eine präzise Stelle gesetzt: Auf der einen Seite befindet sich Münsters Ausländerbehörde. Bleiben dürfen oder nicht, ist hier die Frage. Auf der anderen Seite steht das Train-Denkmal. Dort wird unter anderem Soldaten gedacht, die bei der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China (1901) gefallen sind und im Krieg in Deutsch-Südwestafrika (1905/06), dem heutigen Namibia, wo Deutsche bei der Niederschlagung eines Aufstandes Völkermord an den Hereroes und Namas begangen. Das Denkmal wurde in den 20er Jahren aufgestellt. Ergänzende Bronzeplatten erinnern an den „Heldentod“ in der Zeit des Kolonialismus, deren Folgen vor allem dem Kontinent Afrika bis heute zu schaffen macht. Der Ludgerikreisel verbindet Ausländerbehörde, Kolonialismus-Denkmal und den Stein. Der ist nur grob bearbeitet, scharfkantig, ungeschliffen und überhaupt nicht geschmeidigt. Es soll es ja nicht sein. Dieses „Momenthafte Monument“ (ein zweiter Spendenstein steht parallel in Marl) macht den Platz bis zum 1. Oktober zu einem Erinnerungsort. Der Klotz wird anschließend zerstört und als Schutt wiederverwendet. Die Behörde und das „Ehrenmal“ bleiben.

Mit der Kombination von Ort und Funktion ihrer Skulptur legt Favaretto zugleich eine Fährte zum Zusammenhang von Geld und Gerechtigkeit, ein Verweis auf den Zusammenhang von Kapital und Kriegen. Denn kriegerische Auseinandersetzungen drehen sich in der Regel stets um Macht und Mammon.

Vielleicht ein schöner Zufall: Favaretto hat als Stein Tittlinger Grobkorn ausgewählt. Aus diesem Granit ist auch der Brunnen zur Fußballweltmeisterschaft 2006 in München geschaffen. In einem Becken aus Tittlinger Granit gleitet auf einem Wasserfilm der Ball im „Teamgeist-Design“. Das Motto vor elf Jahren: „Die Welt zu Gast bei Freunden“.

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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