Nicole Eisenmans Brunnen-Skizze an der Kreuzschanze
Über Sexualität und Vergänglichkeit

Münster -

Von so viel Freiheit konnte Annette von Droste- Hülshoff nur träumen als sie 1842 ihr Gedicht „Am Turme“ schrieb: Die von gesellschaftlichen Konventionen, biedermeierlicher Sittlichkeit und männlicher Herrschaft eingepferchte Dichterin träumte sich als wilde „Mänade“ in sinnlich stürmische Erotik, wünschte sich wenigstens ein Stückchen von der patriarchalischen Macht und wäre am liebsten „ein Mann doch mindestens“ gewesen – kurz: Die Münsterländerin träumte sich als eine selbstbewusste, in jeder Hinsicht freiheitsliebende Frau. Jetzt blickt sie vom Sockel auf den Brunnen von Nicole Eisenman, einer selbstbewussten freien Frau aus New York.

Montag, 07.08.2017, 17:43 Uhr aktualisiert: 08.08.2017, 17:27 Uhr
Ekstase und Erschöpfung: Nicole Eisenman spielt mit Bildern von Körper, Sexualität und Vergänglichkeit.
Ekstase und Erschöpfung: Nicole Eisenman spielt mit Bildern von Körper, Sexualität und Vergänglichkeit. Foto: Gerhard H. Kock

Ihre „Skizze für einen Brunnen“ thematisiert eine Reihe von Spannungsfeldern des Menschlichen:

Die Geschlechtlichkeit ist hier neutralisiert, als gehe es bei Körpern um ein völlig anderes Thema als die scheinbare Eindeutigkeit von „Ich Tarzan. Du Jane“. Als wolle Eisenman sagen: Vergesst das Trennende!

Der Brunnen versinnbildlicht Tod und Sexualität. Erschöpfte und potente Posen scheinen allein dem Eros zu huldigen. Indes ist die phallische Dose nicht nur als sprudelnder Lebensquell, sondern auch verknautscht zu Füßen der einzigen stehenden Figur zu sehen.

Jugend und Alter symbolisieren die Materialien: Bronze wird denkmalträchtig gern für zeitlose Helden verwandt, als sollten sie ewig leben. Eisenman legt den beiden coolen Kalinen-Kerlen drei Gips-Figuren bei. Die Witterung soll und wird sie zerfressen, Zerfallsspuren hat Eisenman schon angelegt.

Ekel und Scham können in der Sexualität eine Rolle spielen. Eine Nacktschnecke kriecht dem exhibitionistischsten Körper der Gruppe die linke Schulter hoch und spuckt ihm gleichsam Nebelschwaden ins Genick.

Stolze Ekstase und versonnene Nachdenklichkeit stehen, sitzen sich gegenüber. Der Stehende weiß nicht, wohin mit seiner Potenz, ihm gegenüber denkt eine sitzende Figur vielleicht über das Leben nach.

Vergänglichkeit und Ewigkeit klingen an, denn Wasser ist Leben, der Jungbrunnen verspricht ewiges Leben. Doch Pilze zu Füßen des Kraftstrotzenden gemahnen an Verfall, Zersetzungsprozesse, die allzu gern verständlicherweise ins Unterbewusstsein verdrängt werden.

Auffällig bei der Figurengruppe ist, dass keiner der fünf Menschen eine Beziehung zur jeweils anderen hat oder aufzunehmen scheint oder jemals hatte. Alle liegen in sich selbst verliebt oder versunken herum. Und einer macht den dicken Max. Sollte das die Freiheit und Selbstbestimmung sein, von der Annette von Droste-Hülshoff träumte? Anton Rüller hat die Büste der Dichterin, die vor 220 Jahren geboren wurde, vor gut 120 Jahren geschaffen. Sie stand zunächst am Kanonengraben und wurde später zur Kreuzschanze umgesetzt.

Der Brunnen steht damit an passendem Ort. Zumal die Promenade darüber hinaus ein Freizeitort ist. Und ferner befindet sich an der Kreuzschanze Münsters „Liebeshügel“. Hier trafen sich seit der lebensgefährlichen Zeit der Nationalsozialisten Homosexuelle auf ihrer Sehnsucht nach Liebe und später bis zur sexuellen Liberalisierung auch Jungverliebte heterosexuelle Paare auf der Suche nach einem verschwiegenen Plätzchen.

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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