Skulptur-Projekte verleihen Hunderte Fahrräder
Radfahren: Der bequemste Weg zur Kunst

Münster -

An der Fahrradverleihstation der Skulptur-Projekte ist bei schlechtem Wetter viel und bei gutem Wetter sehr viel los. Hunderte Fahrräder werden hier jeden Tag ausgegeben.

Dienstag, 08.08.2017, 09:42 Uhr
Wer gleich 32 Fahrräder auf einmal benötigt, tut gut daran, sie rechtzeitig vorzubestellen. Hier rüstet sich ein Lehrerkollegium aus Lingen zur großen Kunstfahrt.
Wer gleich 32 Fahrräder auf einmal benötigt, tut gut daran, sie rechtzeitig vorzubestellen. Hier rüstet sich ein Lehrerkollegium aus Lingen zur großen Kunstfahrt. Foto: Matthias Ahlke

Was heißt eigentlich „Rücktrittbremse“ auf Englisch? Christopher Krone und Elias Hering zucken nicht mal mit der Wimper: „Pedal Back Brake“, sagt der eine, „Coaster Brake“, sagt der andere. Die beiden müssen es wissen – schließlich erklären sie seit Wochen ausländischen Touristen auf Englisch die Funktion münsterischer Skulptur-Leihfahrräder. Und Rücktrittbremsen sind offenbar eine sehr deutsche Spezialität . . .

Ansonsten gibt es bei der Zweirad-Einweisung der Kunstbegeisterten kaum Probleme. Man merke schon, berichten die beiden jungen Männer, in welchen Ländern Fahrrad gefahren werde. Niederlande und Dänemark? Kein Problem. Die steigen auf und fahren los. Japan und China? Da kann es kritisch werden.

„Skulptur Projekte by bike“: Mit dem Fahrrad zur Kunst

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Auf der kleinen Straße hinter dem Landesmuseum seien bisweilen kuriose Fahrübungen zu beobachten. Einige Radfahrer aus Fernost gehen auf Nummer sicher und stellen den Sattel so niedrig ein, dass sie mit beiden Füßen bequem den Boden erreichen – wenn sie nicht gleich ein Kinderfahrrad ausleihen. Einmal habe er einen Kunden mit freundlichem Nachdruck überzeugen müssen, dass Radfahren nichts für ihn sei, berichtet Elias Hering.

Der Fahrradverleih der Skulptur-Projekte ist eine Erfolgsgeschichte. Das Team um Birgit Weßel verwaltet etwa 250 Leihräder, darunter zehn Kinderräder und zehn besonders große Herrenräder. An sonnigen Wochenenden kann das Angebot rasch ausverkauft sein, aber auch an einem mittelmäßigen Augusttag gehen täglich Hunderte Räder raus. Mindestens die Hälfte der Kundschaft komme aus dem Ausland, schätzen die beiden Verleiher.

In Ihrem Büro-Container erledigen Nadine Kemper und Hanna Tsimasiuk mit viel Geduld und Freundlichkeit den Papierkram: Viele Gäste haben reserviert, andere kommen spontan und müssen an Ort und Stelle den Vertrag ausfüllen. Zwölf Euro kostet das Leihfahrrad täglich, ab 16 Uhr nur noch 8,50 Euro. Eine beliebte Zugabe sind Smartphone-Halter für den Lenker, erzählt Hanna Tsimasiuk. Helme allerding sind eher Ladenhüters, berichtet Nadine Kemper – auch wenn man sie günstig ausleihen kann.

Isabelle Reiher und Jean-Roch Bouiller beispielsweise tragen zwar immer Helm, wenn sie mit ihren Töchtern Valère und Violette durch Burgund radeln. Doch in der Stadt werde der Helm nicht aufgesetzt – vielleicht weil daheim in Marseille ohnehin nur die Mutigsten Fahrrad fahren. Münster, für die französische Familie nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zur Documenta, wirkt offenbar ungefährlich.

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Auf allen Skulpturen-Fahrrädern ist die Telefonnummer des Verleihs notiert. Gar nicht selten kommt es vor, dass ein Kunde einen Platten hat: Dann machen sich Christopher Krone, Elias Hering oder einer ihrer etwa 15 Kollegen mit einem Ersatzrad an der Hand auf den Weg und holen den Havaristen ab. Auch gerissene Ketten kommen vor oder defekte Lichtanlagen. Dabei sind die Räder neuwertig und solide – und sie werden regelmäßig begutachtet. Da gibt es nichts zu meckern. Und wenn doch, meckern eher die deutschen Kunden . . .

Martin Leibinger aus Ulm hat nichts zu beanstanden. Er macht sich mit dem Rad auf den Weg zu den entfernten Skulptur-Projekten – und freut sich, überhaupt radeln zu können. Von Zuhause kenne er nur enge Straße, gefährliche Kreuzungen und viele Baustellen, sagt er: „Radfahren – das geht dort gar nicht.“ Aber hier? „Es ist die bequemste Art, die Kunst zu erreichen.“

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Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

 

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