Skulptur-Projekte 2017 sind kein „Plastik-Festival“
Kunst-Spiel ohne Grenzen

Münster -

Es könnte so einfach sein: Alle zehn Jahre lädt man ein paar Dutzend Künstler ein und lässt sie Skulpturen in der Stadt aufstellen, die man dann gut drei Monate lang umsonst und draußen betrachten kann. Ein fröhlich-buntes Freilicht-Museum, dessen Exponate im Herbst wieder verschwinden – es sei denn, die Stadt beschließt ihren Kauf. Ein hübscher Sommerspaß.

Freitag, 01.09.2017, 15:45 Uhr
Wo ist die Skulptur? Eine klassische Plastik ist Ayse Erkmens Steg jedenfalls nicht.. .
Wo ist die Skulptur? Eine klassische Plastik ist Ayse Erkmens Steg jedenfalls nicht.. . Foto: Oliver Werner

Zu dieser Beschreibung passt im Jahr 2017 ein sehr populäres Werk: der Steg Ayse Erkmens im Hafen. Alle haben Freude dran, es tut bestenfalls denen weh, die es mit nackten Füßen betreten – wie nett! Woran sich allerdings zwei Fragen knüpfen: Ist solche Nettigkeit eigentlich im Sinne der Kunst? Und: Was ist das für eine Skulptur, die dem Betrachterblick nahezu komplett entzogen ist? Vielleicht haben wir es hier bloß mit einem aufwendigen Zaubertrick zu tun ...

Bei Erkmen stellt ulkigerweise niemand die Frage, ob das denn eigentlich „Skulptur“ ist – ganz anders als bei Jeremy Dellers Kleingarten-Tagebüchern oder dem ungeliebten Laster mit Kiste von Cosima Bonin und Tom Burr, der den alten Satz provoziert: „Das kann ja jeder!“ Was einen an den Urgedanken der Skulptur-Projekte denken lässt, die laut Klaus Bußmann und Kasper König eben kein „Plastik-Festival“ sein sollten. Das „Projekt“ im Namen war immer schon Programm und hat in diesem Jahr offenkundig noch an Dynamik gewonnen. So sehr, dass auch bei Michael Smiths Tattoo-Studio oder Cerith Wyn Evans’ gekühlter Glocke die künstlerische Idee viel relevanter ist als die plastische Ausarbeitung. Projekt statt Plastik und eine Form von Kunst, der man sich stellen muss, statt sie freundlich abzunicken.

Erkmens Steg führt zu einem weiteren, für Münsters Schau bedeutsamen Aspekt: dem Funktionstausch zwischen Betrachtern und Akteuren. Denn im Gegensatz zu Christos Stoffwegen auf dem Iseo-See, die Touristenscharen lockten und gern als Modell für Erkmen angeführt werden, ist in Münster das Mitmachen essenzieller Bestandteil der Kunst. Ohne jene Menschen, die durchs Wasser wandern, ist die Kunst im Hafen nicht sichtbar. So wie es auch bei den Tagebuch-Schreibern ist, bei den Freizeit-Forschern in Pierre Huyghes Eissporthallen-Urlandschaft, bei den menschlichen Skulpturen von Xavier Le Roy und Scarlet Yu. Die Grenzziehung „Hier das Werk, dort der Betrachter“ gibt es zwar bei vielen Skulptur-Projekten weiterhin, doch oft genug wird sie aufgehoben.

Und noch etwas ist in diesem Jahr aufgehoben: die klare Entscheidung für Kunst im öffentlichen Raum, verbunden mit der Aufforderung „Raus aus dem Museum“. Viele Werke finden in Innenräumen statt, sind dadurch sogar von Öffnungszeiten begrenzt (was allerdings auch für den Steg oder die LED-Panels von Ei Arakawa vor Haus Kump gilt). Da die Künstler in Münster einerseits aller Freiheiten haben, sich aber andererseits direkt auf den Ort ihres Wirkens beziehen (sollen!), spielen manche sogar mit dem Museumsraum, statt ihn einfach hinter sich zu lassen. Bei Gregor Schneider, vor dessen düsterer Doppelwohnung notwendigerweise Besucherschlangen harren, ist das ein schon bekanntes Programm; Michael Deans rätselhafte Außen-Spuren am Museum erklären sich gar erst, wenn man den Innenraum des Lichthofs betritt. Im Gegensatz dazu hat Hreinn Friðfinnsson Häuschen im Grünen gar kein echtes Innen drinnen.

Dass es also bei den Skulptur-Projekten 2017 um weit mehr geht als um Plastik im öffentlichen Raum, darf als konsequente Fortsetzung einer Traditionslinie angesehen werden, die ein Wesen der klassischen Skulptur, nämlich ortsgebunden und zeitenthoben zu sein, bisweilen auf den Kopf stellt: Wo Musik oder Klang ertönen wie bei Emeka Ogbohs „Passage through Moondog“ im Tunnel, wo Filme laufen oder Performances stattfinden, wird das Projekt zur Zeit-Kunst. Lara Favarettos Sparbüchsen-Granit und die Gipsfiguren an Nicole Eisenmans Brunnen tragen sogar baldige Zerstörung oder raschen Verfall in ihrem Wesen.

Zwischen klassisch-plastischen Arbeiten und konsequenter Konzeptkunst ist in Münster alles möglich. Vielleicht ist es diese spielerische Vielfalt, die den überregional großen Zuspruch begründet. Was kein Gegensatz zum ernsten Anspruch der Werke sein muss.

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