Kleingärtner beherbergt Skulpturen-Projekt
Willkommen im Kunst-Garten

Münster -

Was macht ein Kleingärtner, durch dessen Kleingarten täglich Hunderte Touristen stapfen? Er freut sich! Christian Kai Sander ist Gastgeber von Jeremy Dellers Skulpturen-Projekt in der Kleingartenanlage Mühlenfeld.

Freitag, 01.09.2017, 22:00 Uhr
Seit über 16 Jahren kümmert sich Christian Kai Sander um den hübschen Garten in der Kleingartenanlage Mühlenfeld. Beinahe hätte er schon gekündigt. Aber die Begeisterung für den Verein und die Kunst ließ ihn die Kündigung zurücknehmen.
Seit über 16 Jahren kümmert sich Christian Kai Sander um den hübschen Garten in der Kleingartenanlage Mühlenfeld. Beinahe hätte er schon gekündigt. Aber die Begeisterung für den Verein und die Kunst ließ ihn die Kündigung zurücknehmen. Foto: spe

Wer das Skulptur-Projekt des britischen Künstlers Jeremy Deller in der Kleingartenanlage Mühlenfeld besucht, trifft dort vielleicht einen freundlichen Herrn besten Alters an, der den Rasen mäht. Oder vertrocknete Blüten abzupft. Oder Unkraut jätet.

Manchmal wird der Mann angesprochen: Ob er hier wohne? Dann erklärt er, dass das deutsche Kleingartengesetz eine Wohnung im Kleingarten gar nicht zulasse – was die meisten internationalen Gäste ausgesprochen putzig finden. In jedem Fall sind die Kunstfreunde intuitiv an den Richtigen geraten: Der freundliche Herr ist Christian Kai Sander. Ihm gehört der Garten.

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Hunderte Touristen im Garten

Eigentlich, so erzählt er, hätte sich Jeremy Deller gewünscht, dass er seinen Garten weiterhin so nutzt, als ob die Besucher gar nicht da wären. Aber im Liegestuhl ein Nickerchen machen, während ringsherum Hunderte Touristen durch den Garten schieben? Nein, das geht dann doch nicht, meint der Kleingärtner lächelnd. Denn es sind einfach zu viele. „Sie glauben gar nicht, was am Wochenende hier los ist“, sagt Frank Wächter, der Mühlenfeld-Vorsitzende.

Die Gäste, das betont Christian Kai Sander, seien sehr rücksichtsvoll. Natürlich, der Rasen vor dem Haus habe schon sehr gelitten. Und mit einer Hundebesitzerin sei er mal ein wenig aneinandergeraten. Aber ansonsten streiften die Besucher sehr behutsam durch den Garten. Der sieht ja auch sehr schön aus: kleinteilig, abwechslungsreich, gut eingewachsen, nicht übertrieben pingelig. Englisch eben.

Vielleicht ist dies der Grund, weshalb Jeremy Deller sofort angebissen hat, als ihm dieser Garten im Herbst 2016 angeboten wurde. Christian Kai Sander hatte damals seinen Vertrag nach 16 Jahren eigentlich kündigen wollen, weil er sich um noch einen weiteren Garten zu kümmern hat. Die Kleingärtner witterten in dem Leerstand die Chance, den weltberühmten Künstler – von allen nur „der Jeremy“ genannt – wieder bei sich aufnehmen zu können.

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Kollektive Begeisterung rund um den Garten

Wer das Grundstück heute betritt, gewinnt leicht den Eindruck, hier habe sich seit 1932 nichts verändert. Weit gefehlt. Christian Kai Sander musste sein Häuschen leer räumen; es wurde mithilfe der Vereinsmitglieder entkernt, renoviert, gestrichen und mit einem vom Künstler ausgewählten Einrichtungs-Sammelsurium, das andere Gärtner zur Verfügung gestellt hatten, wieder auf alt getrimmt.

Für die rosa Farbe hat Deller selbst gesorgt – mit tatkräftiger Unterstützung von Familie Wächter. Die kollektive Begeisterung rund um den Garten und die ganze Anlage hat natürlich auch Christian Kai Sander erfasst. Irgendwann fragte er schüchtern, ob er die Kündigung nicht doch zurücknehmen könne. Die Gemeinschaft würde ihm fehlen . . .

Klar. Und deshalb ist es nach wie vor sein Garten. Er freut sich am regen Interesse der Besucher aus aller Welt – auch wenn sie so fassungslos sind wie jene chinesischen Gäste, die gar nicht begreifen können, dass einer einzigen Person mitten in der Stadt einfach so 470 Quadratmeter Garten zur Verfügung stehen . . .

Die Kleingartenanlage Mühlenfeld plant zum Abschluss der Skulptur-Projekte, voraussichtlich am 29. September, ein öffentliches Abschiedsfest. Die Rückgabe der Einrichtungsgegenstände aus Sanders Häuschen wird noch einmal extra gefeiert.

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