Interview mit Klaus Reder von Gemeinschaft Sant‘Egidio
Zurück zu den Wurzeln

Münster -

Das Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant‘ Egidio beeindruckt mit Zahlen: Rund 5000 Teilnehmer, die 40 Glaubens- und Religionsgemeinschaften vertreten, wollen von Samstag bis Dienstag in Münster und Osnabrück über neue Formen des (friedlichen) Miteinanders der Religionen sprechen. Vorsitzender der Gemeinschaft San‘Egidio in Deutschland ist der Würzburger Prof. Dr. Klaus Reder. Mit ihm sprach unser Redakteur Klaus Baumeister.

Freitag, 08.09.2017, 20:00 Uhr
Prof. Klaus Reder ist Vorsitzender der Gemeinschaft Sant‘Egidio in Deutschland.
Prof. Klaus Reder ist Vorsitzender der Gemeinschaft Sant‘Egidio in Deutschland. Foto: kb

Herr Reder, erzählen Sie von der Gemeinschaft Sant’Egidio.

Reder: Gegründet wurde sie 1968 in Rom. Eine Rolle spielten dabei sicherlich die Nachwirkungen und der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils. Das erste konkrete Projekt war eine Hausaufgabenhilfe für Kinder am Rande der Gesellschaft. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Projekte hinzu, so auch die Idee, sich mit Fragen des Weltfriedens aus­einanderzusetzen. Inzwischen ist Sant‘Egidio in 80 Ländern der Welt vertreten.

Wie ist Sant’Egidio nach Deutschland gekommen?

Reder: Einige deutsche Schüler und Studenten haben Sant’Egidio in Rom kennengelernt und sich gefragt: Ist das nicht auch was für uns? Zwar war die Kinder­armut in Deutschland in den 1970er Jahren nicht so ausgeprägt wie in Italien, aber die Problemlagen, etwa soziale Probleme, waren in vielerlei Hinsicht durchaus vergleichbar. 1982 haben wir dann unsere „Schule des Friedens“ aufgebaut und regelmäßige Gebetstreffen angeboten.

Welchen Bezug hat Sant’Egidio zu Münster und Osnabrück, wo jetzt das Treffen stattfindet?

Reder: In Osnabrück gibt es eine Gemeinschaft Sant’Egidio. Darüber hinaus bestehen viele freundschaftliche Beziehungen, auch zu Münster, die über Wallfahrten nach Rom oder einen Studienaufenthalt in Rom entstanden sind. Ohnehin sind bei Sant’Egidio neben den Beziehungen zu den ­Institutionen die freundschaftlichen Verbindungen zwischen Menschen, die das Anliegen unserer Gemeinschaft teilen, sehr wichtig. Insgesamt haben wir in Deutschland rund 5000 Mitglieder.

Wie sind Sie auf die Städte Münster und Osnabrück als Austragungsort gekommen?

Reder: Ganz einfach. Die beiden Bischöfe der westfälischen Friedensstädte, Felix Genn und Franz-Josef Bode, haben uns gefragt. Jedes Jahr im Herbst veranstalten wir ein Friedenstreffen der Religionen. Da die beiden Bischöfe gut befreundet sind, klappten die Absprachen sehr gut, auch wenn die beiden Bistümer in zwei verschiedenen Bundesländern liegen. Begründet wurde unsere Tradition der inter­religiösen Treffen 1986 in Assisi.

Wie schaffen Sie es, so viel Prominenz aus der Politik und den Religionsgemeinschaften zu Ihren Friedenstreffen zu holen?

Reder: Wir veranstalten keine solitären Events, sondern betrachten unsere Arbeit eher als Pilgerreise für Menschen, denen der Frieden ein Anliegen ist. Auch außerhalb unserer Treffen gibt es vielfältige Verbindungen zwischen den Teilnehmern. Unsere Treffen sind – auch historisch betrachtet – untrennbar verbunden mit konkreten Themen. Ich nenne exemplarisch den Kampf gegen Aids. Oder auch den gemeinsamen Kampf für die Abschaffung der Todesstrafe. Darüber hinaus sind Vertreter unserer Gemeinschaft weltweit an rund 50 Friedensprozessen be­teiligt. Teilweise öffentlich, teilweise auch diskret. Natürlich ergeben sich dabei intensive Kontakte zur Politik.

Also war es kein Problem, die Kanzlerin als Rednerin zu gewinnen?

Reder: (lacht): Im Moment ist Wahlkampf. Aber im Ernst: Wir haben sie im Frühjahr getroffen und sie gefragt. Sie hat persönlich entschieden, hier nach Münster zu kommen.

Ist die Wahrung des Friedens zwischen den Religionen eine zentrale Zukunftsaufgabe?

Reder: Ja, unbedingt. Alle Religionen bekennen sich zum Frieden. Zugleich aber haben alle Religionsgemeinschaften Probleme damit, dass im Namen ihrer Religion Unfrieden und Krieg gestiftet wird. Natürlich können sich  Muslime nicht damit abfinden, wenn ihre Religion mit Gewalt und Terror verbunden wird.

Ist Gewalt im Namen der Religion ein globales Pro­blem?

Reder: Ja, leider. Der Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik hat eine religiöse Komponente und wird oft als Konflikt zwischen Muslimen und Christen dargestellt. Vor allem aber sind die dortigen Probleme mit der verbreiteten Armut und Perspektivlosigkeit zu erklären. Oder wie war es früher in Nordirland? Militantes Auftreten gibt es an vielen Stellen.

Sollte man also die Religionen abschaffen?

Reder: Nein, die Lösung kann nur darin bestehen, dass sich die Religionen auf ihre Wurzeln berufen. Den Frieden zwischen den Religionen zu wahren, ist auch ein spiritueller Prozess. Probleme löst man nicht dadurch, dass man was abschafft. Niemand wird bestreiten, dass die Europäische Union in Teilen nicht funktioniert. Aber soll man Europa deswegen abschaffen? Auch unsere Demokratie hat Probleme. Aber ich schaffe sie deswegen doch nicht ab, denn eine bessere Staatsform haben wir bislang noch nicht gefunden.

Was versprechen Sie sich von diesem Treffen in Münster und Osnabrück?

Reder: Einen kräftigen Impuls für den Frieden und die klare Erkenntnis, dass man auf die un­bestreitbaren Schwierigkeiten im Miteinander der Religionen nur mit Dialog reagieren kann.

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