Koki Tanaka zeigt Videos zum Thema „Wie zusammen leben und das Unbekannte teilen“
Miteinander sprechen

Münster -

Dieses Skulptur-Projekt ist was für Liebhaber: Vier Stunden Film-Material zeigt acht Menschen, die miteinander reden und gelegentlich Impulse von anderen Menschen bekommen. Die Fragestellung ist ebenso spannend wie wichtig: „Wie zusammen leben und das Unbekannte teilen“.

Donnerstag, 14.09.2017, 23:37 Uhr aktualisiert: 14.09.2017, 23:40 Uhr
Koki Tanaka (großes Bild) zeigt in der Präparation des Geoinstituts Videos von einem Workshop, in dem Münsteraner laut über das Miteinander nachdenken.
Koki Tanaka (großes Bild) zeigt in der Präparation des Geoinstituts Videos von einem Workshop, in dem Münsteraner laut über das Miteinander nachdenken. Foto: Oliver Werner/kok

Dieses Skulptur-Projekt ist was für Liebhaber: Vier Stunden Film-Material zeigt acht Menschen, die miteinander reden und gelegentlich Impulse von anderen Menschen bekommen. Die Fragestellung ist ebenso spannend wie wichtig: „Wie zusammen leben und das Unbekannte teilen“ – so hat der Japaner Koki Tanaka sein Skulptur-Projekt genannt: Die Videos werden in der ehemaligen Präparationswerkstatt des Geologischen Instituts gezeigt, wo früher Fossilien und andere Steine behandelt wurden.

Eine Frage, die Philosophen seit Jahrtausenden und später Juristen, Soziologen und Politiker beschäftigt. Nun sollen es Bürger aus Münster verhandeln, allesamt eher aus einem bildungsbürgerlichen Kontext, aber mit unterschiedlichstem Migrationshintergrund – Syrien und Sauerland inklusive. Die Interviews, Gespräche und Diskussionen finden in unterschiedlichen Situationen und an verschiedenen Orten statt, wobei der Atomschutzbunker des Aegidiimarktes mit seinem Keller ein zentraler Punkt ist.

Zwischen Selbsterfahrungs-Workshop und experimenteller Soziologie sehen sich die Teilnehmer des Workshops Regeln ausgesetzt, die ihre Haltung verändern. Während die Gruppe einen Flüchtling interviewt, wechseln für ihn ständig die Ansprechpartner im Stuhlkreis – vermutlich ein Symbol, wie es auch in Wirklichkeit Flüchtlingen ergeht, die sich ständig erklären müssen. Das Thema hier: Humanität und Globalisierung.

Beim Thema „Was ist politisch?“ sollen die Teilnehmer versuchen, keinen Kreis zu bilden und sich beständig zu bewegen. Es werden Spiele gemacht: Wer in die Mitte geht, muss ein Konzept haben. Im Diskurs geht es dann um das Ausbalancieren von Freiheit, Regeln, Grenzen und Strafen. Währenddessen hält die omnipräsente Kamera auch fest, wie Teilnehmer auf Papier herumkritzeln. Politische Debatten können langweilig sein.

Der unterschiedliche Rahmen verändert die jeweilige Kommunikationskultur – Ausprobieren sei jedermann ausdrücklich empfohlen. Persönlich wird es im Auto, wo die Teilnehmer sich gegenseitig interviewen. Auf dem Rücksitz sitzt der Moderator. Die Kamera ist vorne. Trotzdem: Es entfaltet sich die typische „Gespräche im Auto“-Atmosphäre. Ein junger Islam-Lehrer schwärmt von seiner Religion und: „Es ist schön, als Türke in Deutschland aufzuwachsen.“ Und eine Immigrantin sagt: „Wir Deutsche sollten nicht auf falsche Weise stolz sein.“ Eine Französin erzählt, dass ihre Großmutter auch nach dem Ende von Frankreichs Kolonialzeit als Französin Algerien immer noch als ihre Heimat bezeichnete. Und die US-Amerikanerin berichtet, dass ihr Vater ein KZ ausgeräumt habe. Die Interviews zeigen, wie in nahezu jeder familiären Biografie Migration, Kolonialismus, kriegerische Auseinandersetzung vernehmbar nachklingen. Man muss es nur hören wollen.

Kontrovers wird es beim Thema „Würde“. Hat ein Sklave Würde? Die Enkelin einer Sklavin findet: Nein. „Es ist nur Würde in dir, wenn es dir am Anfang vermittelt wird.“ Dem wird widersprochen, weil Würde eine universelle Eigenschaft eines jeden Menschen sei. Letztlich eine philosophische Fragestellung, die zeigt, wie Definitionsfragen Streit provozieren.

Die Teilnehmer waren Tasnim Baghdadi, Stephan Biermann, Isa Selçuk Dilmen, Annette Hinricher, Anna Mondain-Monval, JoAnn Osborne, Rolf Tiemann und Lina Zaher.

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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