Auf Socha-Foto wiedererkannt
Ausgestelltes Familienglück

Münster -

Im Stadtmuseum fand jetzt ein Treffen statt, das alte Erinnerungen an die Skulptur-Projekte 1977 weckte. Eveline und Heribert Prösting machten mit ihrem Spross im Kinderwagen vor den Billardkugeln am Aasee eine Rast, als Berthold Socha auf den Auslöser drückte.

Freitag, 15.09.2017, 09:30 Uhr aktualisiert: 15.09.2017, 12:21 Uhr
Kinder, wie die Zeit vergeht! Vor 40 Jahren noch im Kinderwagen, ist Dr. Philipp Pröbsting seinen Eltern Eveline und Heribert über den Kopf gewachsen. Berthold Socha (l.) hat das Bild vor 40 Jahren aufgenommen. Bis zum 24. September sind seine Fotografien rund um die Skulpturen noch im Stadtmuseum zu sehen.
Kinder, wie die Zeit vergeht! Vor 40 Jahren noch im Kinderwagen, ist Dr. Philipp Pröbsting seinen Eltern Eveline und Heribert über den Kopf gewachsen. Berthold Socha (l.) hat das Bild vor 40 Jahren aufgenommen. Bis zum 24. September sind seine Fotografien rund um die Skulpturen noch im Stadtmuseum zu sehen. Foto: Oliver Werner

Vor 40 Jahren war Philipp gerade mal ein halbes Jährchen auf der Welt – ein pflegeleichter Münster-Junge, den seine stolzen Eltern nur zu gerne in einem modernen Kinderwagen rund um den Aasee ausfuhren. 1977 ist sein Geburtsjahr. Gleichzeitig ist es die Geburtsstunde der Skulptur-Projekte in Münster.

Dass das glückliche Elternpaar und sein schlummernder Wonneproppen im Kinderwagen nach 40 Jahren im Großformat im Stadtmuseum aushängen werden, hätten Eveline und Heribert Pröbsting nicht gedacht. Der Vater machte kürzlich einen Abstecher ins Stadtmuseum an der Salzstraße, wo von Berthold Socha – Münsters Fotokünstler erster Güte – eine beeindruckende Ausstellung mit 80 Aufnahmen noch bis zum 24. September zu sehen ist. Es ist eine schwarz-weiße Zeitreise der Skulptur-Projekte von 1977 bis 2007.

Überraschende Entdeckung

Heribert Pröbsting war baff, als er sich und seine kleine Familie als „Anschmeckerfoto“ für die Präsentation sah. Er hinterließ seine Kontaktdaten, und Berthold Socha meldete sich bei ihm. Es wurde ein Treffen im Stadtmuseum ausgemacht, dass jetzt alle Beteiligten nach 40 Jahren in Erinnerungen schwelgen ließ.

Das junge Pröbsting-Glück vor dem Kunstwerk Giant Pool Balls, den drei überdimensionalen Billardkugeln am Aasee, die 1977 im Rahmen der ersten Skulptur-Projekte in Münster vom amerikanischen Pop-Art-Vertreter Claes Oldenburg geschaffen wurden. Längst sind sie zu Münsters Wahrzeichen geworden. Socha hat die Familie auf einer Parkbank mit seiner Linse vor den Kugeln eingefangen. Zudem eine junge Frau mit einem Fahrrad, die bislang unbekannt bleibt.

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Dem Kinderwagen entwachsen...

Aus Philipp im Kinderwagen ist ein Anwalt mit Doktortitel geworden, der aus Düsseldorf anreiste, wo er mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt. „Die Ausstellung ist super interessant. Besondere Erinnerung habe ich an die Skulptur-Projekte 1997, während meiner Studienzeit“, berichtet der Anwalt, der damals vom Getränkekisten-Pavillon und dem Antennenmast überaus angetan war.

„Was die Kugeln angeht, war ich damals zwiespältig wie die meisten Münsteraner“, erinnert sich sein 67-jähriger Vater, der selbstverständlich Schlaghosen trug und große Hemdkragen, wie es damals die Mode diktierte. Nur seine Frisur hat sich ein wenig verändert. Dagegen ist seine Frau Eveline auf dem alten Foto gut wiederzuerkennen. Die 63-Jährige erinnerte sich an das Kissen mit Wölkchenmuster für den Kinderwagen. „Das habe ich selbst genäht.“ Nach Philipp wurden seine Brüder David und Benjamin in dem Kinderwagen kutschiert.

Skulptur-Projekte 2017

Erfahren Sie alles zu den Skulptur-Projekten 2017 in unserem Online-Special

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Davids Patentante hat im Stadtmuseum die Verwandtschaft auf dem Foto sofort erkannt und Eveline Pröbsting eine WhatsApp zukommen lassen. „Die Überraschung war groß“, sagt die Mutter von drei Söhnen, die mit ihrem Mann in Kinderhaus wohnt.

Nach dem Treffen im Stadtmuseum schwärmten die Pröbstings noch aus, um Skulpturen-Kunst im stadtnahen Raum zu genießen. Mit dabei in einem großen Umschlag das Socha-Foto als Andenken. Heribert Pröbsting: „Es wird bei uns einen Ehrenplatz erhalten.“

Abstimmung:

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