Skulptur-Projekte: Pierre Huyghe in der Eissporthalle
Unübersichtlich offen

Münster -

Gigantisches lässt den Menschen staunen. Alles was größer ist als er selbst, körperlich wie geistig, macht ihn devot oder andächtig oder sprachlos.

Freitag, 15.09.2017, 23:55 Uhr aktualisiert: 16.09.2017, 00:00 Uhr
Wie eine apokalyptische Filmkulisse wirkt die ehemalige Eishalle. Huyghe hat die Fläche geometrisch aufsägen, bis zum eiszeitlichen Sandboden ausbaggern und mit Lehm zwei termitenartige Hügel bauen lassen.
Wie eine apokalyptische Filmkulisse wirkt die ehemalige Eishalle. Huyghe hat die Fläche geometrisch aufsägen, bis zum eiszeitlichen Sandboden ausbaggern und mit Lehm zwei termitenartige Hügel bauen lassen. Foto: Matthias Ahlke

Gigantisches lässt den Menschen staunen. Alles was größer ist als er selbst, körperlich wie geistig, macht ihn devot oder andächtig oder sprachlos. Pierre Huyghe hat Münsters stillgelegte Eissporthalle in ein unüberschaubar komplexes biologisch-technisches System verwandelt. Das macht sprachlos. Nicht nur weil es das voluminöseste Objekt der Ausstellung ist, sondern weil sich das Gigantische jenseits der Größe im Kleinsten fortsetzt.

Huyghe scheint sich hier als Schöpfer zu begreifen. In seiner menschengemachten Ursuppe stehen biologische und technische Elemente in einem unberechenbar komplexen Verhältnis zueinander. Der Künstler selbst hat jeden Eingriff inhaltlich aufgeladen. So stammen die prismenhaft ausgeschnittenen Boden-Formen, wie er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verriet, von einem logischen Puzzlerätsel, das Archimedes entwickelt hat, das Stomachion. In der Halle befinden sich Sensoren, die Bewegungsdaten an den Brutkasten mit menschlichen Krebszellen liefern; die reagieren durch Teilung darauf, wodurch das Aquarium entsprechende Daten erhält. Hier geht unvorhersehbar das Licht an und aus. Dadurch öffnen und schließen sich wiederum die Pyramiden in der Decke.

Und ab und an dröhnt es aus den ehemaligen Kanälen für das Kühlmittel des Eispalastes. Der Rhythmus soll aus der Struktur des Weberkegels, der Textil-Kegelschnecke, abgeleitet sein. In deren Gehäuse lebt ein Einsiedlerkrebs. Dafür sind die Bienen in einer Art Termitenhügel aus Lehm untergebracht. Einmal die Woche werden Fliegenlarven ausgesetzt und verenden in dieser Landschaft. Ob das den Tierarten so gefällt? Das Pfauen-Paar jedenfalls hielt es nur wenige Tage in der künstlerischen Sand-Stein-Wüste aus. Es wurde depressiv.

Selbst dem Titel hat der Franzose (geboren 1962 in Paris) ein kompliziertes Wortspiel verpasst: „After ALife Ahead“. Das „ALife“ klingt wie „alive“, was lebendig bedeutet. Die Anfangsbuchstaben könnten bei ungenauem Lesen für „A“ und „I“ gehalten werden (warum Huyghe hier das I weggelassen hat, ließ sich nicht klären), was für „artificial intelligence“, also künstliche Intelligenz steht. Der Titel könnte also soviel wie „Nach einem künstlichen Leben vor dem, was kommt“ oder „Nach dem bevorstehenden künstlichen Leben“ bedeuten. Der Künstler liebt Offenheit.

Apropos künstliche Intelligenz: Die sorgt für eine weitere Dimension – „Augmented Reality“ (bekannt geworden durch die Pokemons). Wer mit seinem Smartphone die entsprechende Huyghe-App herunterlädt, kann an der Decke scheinbar zufällig auftauchende schwarze Pyramiden schweben sehen.

Ein derart komplexes Netzwerk, das Pierre Huyghe lieber und passenderweise „Gewebe“ nennt, sorgt für Unübersichtlichkeit, die in anderen Zusammenhängen für Unbehagen sorgt. Hier aber scheint sich der Mensch am Rande dieser Landschaft wie ein Eroberer zu fühlen, wie ein Entdecker. Der Forschergeist erwacht vor dem geheimnisvoll unbekannten Ort. Huyghe stimuliert die Faszination einer ungewissen Zukunft jenseits von Zuversicht oder Pessimismus – im Grunde den Optimismus der Neugier, ein gesunder menschlicher Trieb.

Für den Künstler formuliert sich hier eine Sehnsucht nach der Perfektion von Selbstorganisation, er richtet an, auf dass es sich füge. Da liegt die Vorstellung eines Schöpfergotts nicht fern. „Und Gott sah das es gut war.“

Wegen der früheren Dämmerung schließt das Projekt ab sofort bereits um 19 Uhr.

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Die Westfälischen Nachrichten stellen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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