Di., 19.09.2017

Verkehrssicherheit in Münster Unfallzahlen bleiben weiter hoch

Das Coesfelder Kreuz war ein Unfallbrennpunkt. Inzwischen wurden Markierungen aufgebracht, Ampelschaltungen verändert, Radwege optimiert. Seitdem kracht es dort selten. Anders am Neutor (kl.Bild). Hier ist noch nichts gemacht worden.

Das Coesfelder Kreuz war ein Unfallbrennpunkt. Inzwischen wurden Markierungen aufgebracht, Ampelschaltungen verändert, Radwege optimiert. Seitdem kracht es dort selten. Anders am Neutor (kl.Bild). Hier ist noch nichts gemacht worden. Foto: M. Ahlke

Münster - 

Münster hat sein 2007 aufgestelltes Ziel, die Zahl der schweren Unfälle jährlich um 10 Prozent zu senken, deutlich verfehlt. Zwar sei schon viel erreicht worden, allerdings gebe es noch mehr zu tun, so die Berliner Unfallforscher in ihrem Fazit.

Von Helmut P. Etzkorn

Stadt und Polizei haben ihr vor zehn Jahren selbst gestecktes Ziel, die Zahl der Verkehrsunfälle mit Verletzten um bis zu zehn Prozent pro Jahr zu senken, deutlich verfehlt. Auch, weil vorgeschlagene Maßnahmen zur Entschärfung von Unfallbrennpunkten nicht oder nur teilweise umgesetzt wurden und die Polizei aktuell weniger Personal für die Überwachung und Prävention übrig hat. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine Zehn-Jahres-Studie der Unfallforschung der Versicherer, die am Dienstag vorgestellt wurde.

Insgesamt sank die Zahl der schweren Unfälle seit 2007 in jedem Jahr nur um 0,7 Prozent. „Das Ergebnis ist ernüchternd und weit weg von allen Ambitionen“, so Chef-Unfallforscher Siegfried Brockmann (Berlin). Von 2004 bis 2006 hatten die Experten Unfälle in Münster detailliert untersucht, Unfallschwerpunkte aufgezeichnet und ein umfangreiches Maßnahmenpaket vorgeschlagen.

Weniger Unfälle am Coesfelder Kreuz

Die Stadt reagierte, gründete die Ordnungspartnerschaft Unfallprävention und legte los. Kreuzungen wurden baulich entschärft, Radwege verlegt, Mittelinseln für Fußgänger gebaut, Markierungen optimiert, die Geschwindigkeitsüberwachung verschärft. Rotlichtverstöße von Radlern wurden konsequenter geahndet und Tempo 70-Zonen abgeschafft. Dazu kamen diverse Aufklärungskampagnen.

Unter dem Strich hat sich die Konzentration bei allen Maßnahmen zur Verkehrssicherheit auf die zuvor von Forschern erkannten Unfallbrennpunkte bewährt. Am Coesfelder Kreuz, früher bekannt für viele schwere Unfälle, knallt es kaum noch. Anders sieht es am Neutor aus, wo noch nichts angepackt wurde. Hier ist die Unfallentwicklung negativ. „Dort, wo etwas verändert wurde, haben wir 24 Prozent weniger Unfälle“, so Brockmann.

Insgesamt sei Münster auf einem erfolgreichen Weg. Allerdings müsse die Stadt bei der Umsetzung ihres Programms gegen das Leid auf Münsters Straßen „schneller und besser werden“. Brockmann: „Die Politik muss sich nachhaltig, berechenbar und konsequent zu ausreichenden Investitionen in die Infrastruktur bekennen. Unfallhäufungsstellen müssen zügig beseitigt werden.“

Kontrolle und Prävention

Für Ordnungsamtschef Martin Schulze-Werner ist die Analyse der Versicherer ein „deutliches Signal, noch mehr zu tun“. Beim Thema Verkehrssicherheit gelte es, dicke Bretter zu bohren. Schulze-Werner: „Man kann nicht einfach den Schalter umlegen und alles ist gut.“ Auch deshalb hofft er am heutigen Mittwoch auf „grünes Licht“ im Rat für seine Beschlussvorlage zur dauerhaften Fortführung des Verkehrssicherheitsprogramms.

Stark gestiegen sind laut Gutachten die Alleinunfälle älterer Radfahrer. Wer mit der Leeze in Münsters immer hektischeren Großstadtverkehr unterwegs ist, lebt nach Erkenntnissen der Fachleute heute deutlich gefährlicher, als noch vor zehn Jahren. Das Fazit von Brockmann: „Viel erreicht, aber noch mehr zu tun!“

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Die Polizei will trotz Verlagerung von Aufgabenschwerpunkten in Zeiten der latenten Terrorgefahr weiter auf Kontrolle und Prävention setzen. „Das bleibt einer der wichtigsten Bestandteile unserer Arbeit“, so Polizeisprecher Andreas Bode.

Kommentar

Gutachten der Unfallforscher zur Verkehrssicherheit: Schlagzahl deutlich erhöhen

Münster hat vor  zehn Jahren die Chance genutzt, sich von externen Unfallforschern kostenneutral durchleuchten zu lassen. Nicht einzelne Problemkreuzungen, wie in anderen Städten üblich, wurden unter die Lupe genommen. Sondern alle neuralgischen Punkte. Als 2008 detaillierte Vorschläge zur Verbesserung der Verkehrssicherheit auf dem Tisch lagen, war die Euphorie groß. Zehn Prozent weniger schwere Unfälle pro Jahr wurden als Zielvorstellung postuliert. Nicht mal ein Prozent ist bislang erreicht. Peinlich. Von 160 empfohlenen Sofortmaßnahmen ist nur die Hälfte umgesetzt, erst ein Drittel der 63 Unfall-Brennpunkte sind baulich entschärft. Im Gegensatz zu anderen NRW-Großstädten wächst Münster. Die Verkehrsdichte nimmt zu. Wird die Schlagzahl nicht deutlich erhöht, kommt die „rote Laterne“ als NRW-Unfallhauptstadt zurück.



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