Skulptur-Projekte 2017
Auf Wiedersehen – in elf Jahren?

Münster -

Resonanz gut, Besucherzahlen hervorragend, Kritik oder gar garstige Kontroversen eher Mangelware: Wenige Tage vor dem Ende der fünften Ausgabe der Skulptur-Projekte Münster präsentieren sich Vordenker, Organisatoren und Multiplikatoren etwas zwiegespalten, was die vorläufige Bilanz der Ausgabe 2017 anbetrifft. 

Donnerstag, 28.09.2017, 12:00 Uhr
Das sichtlich entspannte Team der Skulptur-Projekte 2017 mit dem Künstlerischen Leiter Prof. Kasper König (Mitte) und den Kuratorinnen Dr. Marianne Wagner (sitzend, 6.v.r.) und Britta Peters (sitzend, r.) bei einer Kaffeepause in Münster.
Das sichtlich entspannte Team der Skulptur-Projekte 2017 mit dem Künstlerischen Leiter Prof. Kasper König (Mitte) und den Kuratorinnen Dr. Marianne Wagner (sitzend, 6.v.r.) und Britta Peters (sitzend, r.) bei einer Kaffeepause in Münster. Foto: LWL

Prof. Kasper König, Künstlerischer Leiter im Team mit den Kuratorinnen Britta Peters und Marianne Wagner, stellte jetzt im Abschlussgespräch in unserer Redaktion klar, dass für ihn etwa die Besuchererzahlen und auch die Zuschauer-Resonanz allein „kein Kriterium“ für den Erfolg einer Kunstausstellung im öffentlichen Raum sind. Er denkt da eher in größeren Zeitkorridoren: „Ob Erfolg oder nicht, das entscheidet sich in vier oder fünf Jahren!“, sagt er mit gewohnt ausladendem Gesprächsgestus. Mit anderen Worten: Manches Kunstwerk entfaltet erst später dauerhafte Wirkung und Prägekraft.

Ein wenig frustrierend sei es freilich schon, so räumt Kasper König ein, dass „alle das hier so toll finden, denn da stellen wir uns als Kuratoren unweigerlich die Frage, ob wir was falsch gemacht haben“. Gerne rückt König dann die aktuelle Ausgabe der Skulptur-Projekte in die Reihe der Vorgänger, die alle für ein unterschiedliches Kunst-, Zeit- und Gesellschaftsgefühl standen. 1977 der als manipuliert empfundene Aufschrei der Empörung durch eine Flut von Leserbriefen, 1987 noch anhaltende Skepsis, 1997 positiver Schwenk, 2007 und jetzt das Gefühl, dass die Kunst „voll angekommen“ und angenommen ist, so deutet König die Entwicklung, die natürlich auch Probleme einer möglichen Übersättigung mit sich bringt. Das führt bei ihm dann unweigerlich zu der Frage: „Ist es überhaupt noch notwendig, dieses Langzeitprojekt weiterzuführen, oder wird sich die nächste Generation etwas ganz anderes einfallen lassen müssen?“

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

1/36
  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Die Kasseler Documenta wich bekanntlich vorab nach Athen aus, Münster kooperierte mit Marl. Das brachte neues Publikum und neuen Kontext. Was König in den vergangenen 40 Jahren übrigens dabei am meisten an Münster gefallen hat, ist, dass die Stadt sich durch die heißen Diskussionen über Kunst in einigen Fragen auch politisch emanzipiert hat.

Am vergangenen Wochenende mussten für die Skulptur-Projekte übrigens noch Leihfahrräder aus Telgte und Enschede angeschafft werden. Menschen mit einer regionalen Bandbreite von Korea bis Kattenvenne wollten in den vergangenen Wochen geballt Projekte abradeln. Die Presse-Sprecherin der Skulptur-Projekte, Jana Duda, geht schon vor Toresschluss davon aus, dass die Zahl von 575.000 Besuchern der vergangenen Skulptur-Projekte 2007 in diesem Jahr noch einmal übertroffen wird. Selbst die vielleicht von manchen eher als befremdlich oder kurzatmig empfundenen Sozialskulpturen von Alexandra Pirici im Rathaus oder Gintersdorfer/Klaßen im Pumpenhaus erlebten nach ihren Zählungen denkbar guten Zuspruch.

Kasper König räumt ein, dass das demokratische Konzept des sehr preiswerten Katalogs – Kurzführer und Katalog zu vereinen: alle Informationen für alle – einige Besucher überfordert haben mag. Jana Duda verteidigt indes das Konzept, anspruchsvolle Texte anzubieten: „Sämtliche Katalogtexte sind in enger Abstimmung mit den Künstlern entstanden. Außerdem sind die Gegenwart und die Kunst nun mal kompliziert und stellen eine Herausforderung dar.“

Kasper König denkt derweil schon an 2028 (sic!) und stellt souverän fest, dass er dann als Mann in den 80ern „sicher nicht im Rollstuhl noch einmal als Kurator antreten“ werde. Entscheidend ist für ihn allein, dass die Skulptur-Projekte sich von der Eventisierung der Gesellschaft abheben, und das betrifft nun mal auch den inflationären Kunstbetrieb, von dem die Ausstellung selbst Teil ist. „Alle zehn Jahre taucht die Ausstellung auf, ist kostenfrei und draußen. Das ist von unschätzbarem Wert für eine eventuelle Weiterführung.“

Finanzrahmen eingehalten

Die fünfte Ausgabe der Skulptur-Projekte hat ihren Finanzrahmen in Höhe von 7,7 Millionen Euro eingehalten. Das bestätigte gestern Sprecherin Jana Duda auf Anfrage. Träger der Kunstausstellung im öffentlichen Raum waren der Landschaftsverband Westfalen-Lippe und die Stadt Münster. Hauptförderer waren die Sparkassen-Finanzgruppe sowie die Kulturstiftung des Bundes. Als weitere zentrale Förderer kamen die Kunststiftung NRW, das Landeskulturministerium und die Firma Brillux ins Boot, gefolgt von vielen weiteren Förderern.

Anders als bei der Documenta, bei der die Stadt Kassel und das Land Hessen nun für einen Minus-Betrag von rund acht Millionen Euro geradestehen müssen, wurde in Münster offenbar wirklich nur so viel Geld ausgegeben, wie eingeplant und vorhanden war.

...

Die Institutionalisierung des Skulptur-Projekte-Archivs, geleitet von Dr. Marianne Wagner, Kuratorin für Gegenwartskunst am LWL-Museum für Kunst und Kultur, in Kooperation mit Prof. Dr. Ursula Frohne von der Wilhelms-Universität, ist dabei ein wichtiger Anker für die zukünftige Trägerschaft aus LWL, Stadt Münster und dem neu gegründeten Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW, die sich Kasper König persönlich wünscht, um für mehr Unabhängigkeit zu sorgen. Daher auch ein neuer Elf-Jahres-Abstand, um die Skulptur-Projekte von der ständigen Vergleicherei mit anderen Ausstellungen zu bewahren.

Mehr zum Thema
...

„Weniger ist mehr“, sinniert Kasper König abschließend. Vielleicht müsse man hier und da auch mal Kunst wegnehmen, damit Platz entstehe für Neues. Im saturierten Münster fehle auch ein wenig die Perspektive, die Entwicklung . . . Nachdenklichkeit am Ende eines langen, vom Wetter und der Gemütslage nach der Bundestagswahl her eher durchwachsenen Kunstsommers . . .

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5185492?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker