Interview mit Bildungsdezernent Thomas Paal
Espa-Übernahme: „Klare Signale an die Schule“

Münster -

Die städtische Politik weiß seit gerade einmal vier Wochen, dass die Stiftung Bethel das Espa-Berufskolleg an der Coerdestraße aufgeben will – und soll schon die Übernahme der Trägerschaft beschließen. Ein Interview mit dem zuständigen Bildungsdezernenten.

Sonntag, 15.10.2017, 08:00 Uhr
Stadtdirektor Thomas Paal ist als Bildungsdezernent für die Übernahme des Espa-Berufskollegs in städtische Trägerschaft zuständig.
Stadtdirektor Thomas Paal ist als Bildungsdezernent für die Übernahme des Espa-Berufskollegs in städtische Trägerschaft zuständig. Foto: Oliver Werner

Die Evangelische Sozialpädagogische Ausbildungsstätte (Espa) genießt einen ausgezeichneten Ruf. Mitte der 50er-Jahre am Diakonissenmutterhaus gegründet, bildet das Berufskolleg vor allem Erzieher und Heilpädagogen aus – derzeit lernen an der Coerdestraße rund 550 Schülerinnen und Schüler.

Vor Kurzem überraschten die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel die Öffentlichkeit mit der Nachricht, die Espa im kommenden Schuljahr aufgeben zu wollen. Seitdem bereitet sich die Stadt in großer Eile darauf vor, die Trägerschaft zu übernehmen: Schon am Mittwoch (18. Oktober) soll der Rat darüber abstimmen. Unser Redakteur Lukas Speckmann sprach mit dem städtischen Bildungsdezernent Thomas Paal über die Gründe.

Täuscht der Eindruck - oder scheint sich die Stadt Münster sich um eine Übernahme der Espa förmlich zu reißen?

Paal: Die Stadt Münster sieht sich in der Verantwortung für den Erhalt der Bildungsgänge der Espa. Dieser Erhalt ist nur mit der Übernahme der Trägerschaft möglich.

Warum sind die Ausbildungsgänge so wichtig?

Paal: Einige der Bildungsgänge, ich nenne hier besonders die für Erzieherinnen und Erzieher, sind besonders wichtig, um dem schon jetzt feststellbaren Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Wir brauchen hier einen Ausbau der Kapazitäten. Eine Verringerung vorhandener Plätze wäre fatal.

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Und wie lange wird es diesen Bedarf noch geben?

Paal: Unabhängig von steigenden Bevölkerungszahlen steigt die Nachfrage nach Kindertagesbetreuung und Plätzen im Offenen Ganztag weiter an. Beides Bereiche, in denen Erzieherinnen und Erzieher als Fachkräfte unverzichtbar sind. Wir müssen also von einer weiterhin steigenden Nachfrage nach Fachkräften ausgehen. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Stadtverwaltung empfiehlt die Übernahme der Espa – und zugleich die Fusion mit dem Anne-Frank-Kolleg. Ist die Espa-Eigenständigkeit also schon längst vom Tisch?

Paal: Nein! Beide Alternativen – die Zusammenführung und die Eigenständigkeit als städtisches Berufskolleg – sollen auf ihre jeweiligen Vor- und Nachteile hin geprüft werden. Diese offene Prüfung sind wir sowohl der Espa als auch dem Anne-Frank-Berufskolleg schuldig.

Welche Synergien wären bei einer Fusion denkbar?

Paal: Ein großer Teil der Bildungsgänge wird von beiden Berufskollegs angeboten. Da liegt die Synergie auf der Hand. Tiefergehende Untersuchungen sind aber noch nicht angestellt. Dies kann erst nach der Beschlussfassung im Rat erfolgen.

Der Personalausschuss hat die Vorlage des Schulamts wegen „Beratungsbedarfs“ verschoben: Wie wahrscheinlich ist eine Entscheidung über diese Vorlage in der kommenden Ratssitzung?

Paal: Sehr wahrscheinlich. Die Gremien hätten bei einem weitergehenden Beratungsbedarf die Vorlage „abgesetzt“. Das haben sie nicht getan. „Verschieben“ bedeutet, dass eine Entscheidung in der folgenden Ratssitzung, also am kommenden Mittwoch, angestrebt wird.

Espa: Lautstarker Protest vor dem Rathaus gegen Bethel-Rückzug

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  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke
  • Während im Rathaus bei einer Pressekonferenz Details zum Rückzug der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel aus der Trägerschaft der Espa bekannt gegeben werden, demonstrieren vor der Tür Hunderte gegen diesen Schritt. Foto: Matthias Ahlke

Warum überhaupt muss das alles so schnell gehen? Bethel hat doch erklärt, für die Espa noch zwei Jahre lang zu zahlen…

Paal: Wir stellen jetzt schon eine starke Verunsicherung fest, weil noch nicht feststeht, wie es weitergeht. Verunsicherung kann dazu führen, dass sich Schülerinnen und Schüler gegen eine Anmeldung entscheiden. Dies wollen wir unbedingt vermeiden. Klare Signale, dass und wie es weitergeht, sind für alle am Schulleben Beteiligte wichtig. Deswegen muss es schnell gehen.

Die Espa-Lehrer sollen vom Land übernommen werden. Welche Kosten kommen dann überhaupt noch auf die Stadt zu?

Paal: Die Stadt ist als Schulträgerin für das sogenannte nicht-lehrende Personal zuständig, also insbesondere für Sekretärin und Hausmeister. Es kommen Gebäudekosten hinzu, also Miete, Heizung, Wasser. Aber auch Schulbücher und weitere Schulausstattung wie die digitale Infrastruktur kommen hinzu. Schließlich sind die Schülerbeförderungskosten zu nennen.

700  000 Euro jährlich: Preiswerter ist das nicht zu haben?

Paal: Nein.

Jahrelang ist in Münster über die PTA-Berufsschule diskutiert worden, aber niemand stellt eine Espa-Übernahme ernsthaft in Frage: Warum gibt es da so deutliche Unterschiede?

Paal: Ein wesentlicher Unterschied ist die Art der Schule: die Espa ist eine sogenannte „Ersatzschule“. Ersatzschulen treten an die Stelle eines sonst nötigen staatlichen Schulangebots. Sie werden zudem zu einem erheblichen Teil aus dem Landeshaushalt mitfinanziert. Fällt eine Ersatzschule aus, dann prüft das Land gemeinsam mit der Kommune, inwieweit das Angebot oder Teile des schulischen Angebots über die Stadt als Schulträger erbracht werden soll. Im Fall der Städtischen Berufsfachschule für pharmazeutisch-technische Assistenten der Stadt Münster, der PTA-Berufsfachschule, handelt es sich um ein schulisches Angebot, das nicht über das Schulgesetz geregelt wird und von daher kein staatliches Ausbildungsangebot ersetzt. Es ist ein komplett freiwilliges Angebot der Stadt Münster im Bereich der Heilberufe und könnte auch privat betrieben werden.

Im Gebäude der Espa an der Coerdestraße ist überdies die Evangelische Ausbildungsstätte für pflegerische Berufe untergebracht. In der bisherigen Diskussion spielte sie überhaupt keine Rolle…

Paal: Diese Ausbildungsstätte für pflegerische Berufe ist im Nachbargebäude untergebracht. Es gibt mit einem gemeinsamen Eingang eine räumliche Verbindung. Es sind aber unterschiedliche Einrichtungen unterschiedlicher Träger.

Espa-Berufskolleg

Die „Evangelische Sozialpädagogische Ausbildungsstätte“ ist ein Berufskolleg für Heil- und Erziehungsberufe. 1955 unter dem Dach des Diakonissenmutterhauses gegründet, wurde es nach dessen Insolvenz 2004 von Bethel weitergeführt. Die Stadtverwaltung plant eine Übernahme zum nächsten Schuljahr: Die 37 Mitglieder des Kollegiums sollen vom Land, die übrigen Angestellten von der Stadt übernommen werden. Die Ausbildungsgänge für die 550 Schüler würden fortbestehen, auch das Gebäude könnte vorerst weiter genutzt werden. Bis 2020 wäre Bethel zudem an den Kosten beteiligt.

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