So., 22.10.2017

„Kleine Bahnhofstraße“ Stalking: Alexandra M. lebt mit der Angst

Nur für das Foto hat sich Alexandra M. mit ihrem Bekannten Andreas D. noch einmal in die Bahnhofstraße begeben. Normaler­weise meidet sie diesen Bereich – aus Angst, erneut von einem Wohnungslosen attackiert zu werden.

Nur für das Foto hat sich Alexandra M. mit ihrem Bekannten Andreas D. noch einmal in die Bahnhofstraße begeben. Normaler­weise meidet sie diesen Bereich – aus Angst, erneut von einem Wohnungslosen attackiert zu werden. Foto: kal

Münster - 

Seit Monaten wird Alexandra M. von einem Stalker belästigt. Mittlerweile ist die Angst zu ihrem täglichen Begleiter geworden.

Von Martin Kalitschke

Sie war seit Wochen nicht mehr hier. Seit die Attacken eines Wohnungslosen immer mehr zunehmen, meidet Alexandra M. die „kleine“ Bahnhofstraße, geht Umwege, um ihm bloß nicht zu begegnen. Nun ist sie zurückgekehrt, für ein paar Minuten nur, um zu erzählen, was ihr Leben mittlerweile zur Hölle macht. Alexandra M. wirkt unsicher, schaut sich immer wieder um, sagt dann: „Ich bin ja nicht alleine, da kann ja jetzt nichts passieren.“

Alexandra M. wohnt hier seit mehr als 20 Jahren. „Früher“, sagt sie, „war das hier eine ziemlich ruhige Straße.“ Eine Obdachlosen-Szene habe es auch da schon gegeben, „aber die war ganz anders als heute“.

Dass sich so viele junge Menschen tagsüber auf der Straße aufhalten, darunter auch Frauen, „das gab es früher nicht“.

Alexandra M., die als Journalistin arbeitet, hat in vielen Großstädten gelebt, Den Haag, Amsterdam, Berlin, Hamburg. „Angst, auf die Straße zu gehen, habe ich nie gehabt.“ Das ist seit Anfang des Jahres anders.

Seit Alexandra M. von einem Wohnungslosen attackiert wird.

"Ich schlage dir die Zähne aus dem Mund"

Im Frühjahr ging es los. „Ich mach‘ dich fertig, ich bring‘ dich vor Gericht“, schrie ein Mann, den sie zuvor nicht wahrgenommen hatte. Die Schimpftiraden sollten von nun an trauriger Alltag für Alexandra M. werden. „Immer, wenn er da ist, beschimpft er mich.“ Mal schreit er sie direkt vor ihrer Haustür an, mal mitten auf der Kreuzung gegenüber: „Ich schlage dir die Zähne aus dem Mund, ich komme vorbei und trete deine Wohnungstür ein.“

An jede einzelne Attacke kann sie sich erinnern. „Wenn ich nach Hause komme, zittere ich am ganzen Leib“, berichtet sie. Im Herbst beschließt sie, sich zu wehren. Sie schreibt einen Brief an den SPD-Bundestagskandidaten Robert von Olberg, schaltet die Polizei ein, erstattet schließlich Anzeige wegen Beleidigung.

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Stalking bei der Polizei gemeldet

Viele Attacken ereigneten sich vor dem Haus der Wohnungslosenhilfe, doch der Mann ist kein Bewohner, bestätigt der Leiter der Einrichtung. Der Mann halte sich als Wohnungsloser in der Stadt auf. Alexandra M. erfährt, dass ihr Stalker unter einer Psychose leiden soll. Mitte Oktober hat sie einen Termin bei der Polizei. Ausführlich schildert sie ihre Erlebnisse.

Wie es weitergeht, das werde nun die Staatsanwaltschaft entscheiden, so eine Polizei-Sprecherin gegenüber unserer Zeitung.

Das geht nicht von heute auf morgen, doch wenn es nach Alexandra M. ginge, dann sollte sofort etwas mit dem Mann geschehen. Was genau, weiß sie auch nicht – „ich bin ratlos“, sagt sie.

Umwege helfen nicht gegen die Angst

Bis etwas geschieht – falls etwas geschieht –, will sie dem Mann erst einmal ausweichen. Und so geht sie nun weite Umwege, damit sie ihm nicht in der „kleinen“ Bahnhofstraße begegnen muss. Nur etwas sicherer fühlt sie sich, sagt Alexandra M. Gegen die Angst würden die Umwege nicht helfen.

Warum zieht sie nicht weg? „Es ist nicht einfach, bezahlbaren Wohnraum zu finden“, sagt sie. Und eigentlich mag sie ja das Viertel, in dem sie seit mehr als 20 Jahren lebt, ja nach wie vor.

Eigentlich. . .



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