Wiedertäufer-Käfige an der Lambertikirche
Alle weg – oder ein Vierter dazu?

Münster -

Kaum ein Thema, zu dem nicht fast jeder Münsteraner etwas zu sagen hat: Die „Käfige“ – oder eigentlich Eisenkörbe –, in denen die Leichen der drei grausam gefolterten Täufer-Anführer am Lambertikirchturm 1535 der Öffentlichkeit zur Schau gestellt wurden.

Montag, 23.10.2017, 17:50 Uhr aktualisiert: 23.10.2017, 18:27 Uhr
Die Eisenkörbe, in denen die Leichen der Wiedertäufer zur Schau gestellt worden waren, hängen noch immer am Lamberti-Kirchturm.
Die Eisenkörbe, in denen die Leichen der Wiedertäufer zur Schau gestellt worden waren, hängen noch immer am Lamberti-Kirchturm. Foto: Matthias Ahlke

Noch heute hängen sie dort. Für die einen ein Sieges- und Warnzeichen. Oder ein Mahnmal. Für andere ein Kunstwerk. In jedem Fall eine viel bestaunte touristische Attraktion, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. Bei der gut besuchten Podiumsveranstaltung „Dialoge zum Frieden“ im Rathausfestsaal ordnete Prof. Franz-Josef Jakobi die Täuferherrschaft als Radikalisierung einer „bürgerschaftlichen Emanzipationsbewegung“ gegenüber dem bischöflichen Landesherrn ein.

Für den heutigen Umgang mit dem historischen Relikt der Körbe skizzierte er drei Optionen:

► 1. Man lässt alles so, wie es ist und überlässt es dem Betrachter, seine eigene Einstellung dazu zu finden.

► 2. Man hängt die Körbe ab, weil sie als grausames Siegeszeichen die Verdammung eines Teils der reformatorischen Bewegung symbolisieren. Im Stadtmuseum könnten sie als historisches Zeugnis fachlich kommentiert und eingeordnet werden.

► 3. Man belässt sie als Teil des münsterischen Geschichtserbes an ihrem Ort, informiert aber auf dem Lambertikirchplatz über die historischen Hintergründe der Körbe und den Umgangs mit ihnen.

Auf dem Podium entspann sich ein buntes Geflecht unterschiedlicher Perspektiven. Die Täuferbewegung in ihren unterschiedlichen Fortsetzungen und Verästelungen sei alles andere als ein lokalhistorisches Phänomen – und zwar bis heute, hieß es da. Oder: Spätestens seit den Skulptur Projekten 1987 mit der Installation „Drei Irrlichter“ von Lothar Baumgarten seien die Käfige Teil höchst aktueller Kunst. Auch von folkloristischer Behandlung des Begriffs, etwa bei der Namensgebung einer Karnevalsgesellschaft, über die Wiederbelebung des aufrührerischen Gestus durch die linke Alternativ-Zeitschrift „Knipperdolling“, war die Rede.

Ein Podiumsteilnehmer stellte gar die provokante Frage, ob man nicht sogar einen vierten Käfig hinzufügen müsse – für Bernhard Rothmann, den theologischen Kopf der Täufer, der den Schlächtern des Landesherrn seinerzeit entkam.

Einig war man sich, dass es bei der Täuferherrschaft nicht um einen „exotischen Einfall fremder Wesen“ ging, sondern im Kern um einen originär münsterischen Konflikt zwischen Stadtbürgern und Landesherr. Die anschließende Diskussion mit dem Publikum erbrachte Bedenkenswertes für jede der drei von Prof. Jakobi benannten Optionen. Die Meinung im Saal und auf dem Podium schien sich laut Pressemitteilung aber dann doch deutlich der dritten zuzuneigen: Zusätzliche Informationen müssten zur Verfügung stehen, räumlich nah und in einem für alle Zielgruppen attraktiven Format.

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