Protestantinnen schildern ihr Ankommen nach 1945 in katholischer Nachbarschaft
Mit Steinen beworfen

Münster -

Protestantische Flüchtlinge haben nach dem Zweiten Weltkrieg im katholischen Münsterland sowohl Ablehnung und Ausgrenzung als auch gemeinsames Miteinander und gelebte Ökumene erfahren.

Freitag, 27.10.2017, 17:45 Uhr
Ein intensiver Austausch zu Erfahrungen von Fremdheit, Frömmigkeit, Willkommenskultur in der Villa ten Hompel. Schülerinnen und Schüler interviewten die betagten Personen, die mit protestantischer Herkunft Historisches schilderten.
Ein intensiver Austausch zu Erfahrungen von Fremdheit, Frömmigkeit, Willkommenskultur in der Villa ten Hompel. Schülerinnen und Schüler interviewten die betagten Personen, die mit protestantischer Herkunft Historisches schilderten. Foto: Kirsten Schwarz-Weßeler

Das wurde laut Pressemitteilung beim Erzählcafé deutlich, das jetzt auf Betreiben der Regionalarbeitsgruppe Münsterland von „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ vor dem Reformationstag im Geschichtsort Villa ten Hompel stattfand.

13 Schüler der Klasse 9a des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums befragten jeweils zu zweit oder zu dritt sieben zwischen 77 und 92 Jahre alte Zeitzeugen zu ihren Erfahrungen und Erlebnissen nach der Ankunft im Münsterland.

Die Schwestern Irmgard Abend und Annelies Karbach-Nickel, geboren 1934 und 1936 in Wolfskirch (Wilczkowice) bei Breslau (Wrocław), berichteten Julius und Linus beispielsweise, dass es in der Schule in Lüdinghausen, wohin sie nach ihrer Flucht aus Niederschlesien gekommen waren, separate Toilettentrakte für katholische und evangelische Schüler gegeben habe. Die evangelischen Kinder mussten durch den katholischen Trakt zu ihren Toiletten laufen. Dabei gingen sie in Zweiergruppen und wurden meist von ein oder zwei Lehrern begleitet, da sie auf dem Weg oft mit Steinen beworfen wurden.

Gänzlich andere Erfahrungen machten die beiden Schwestern hingegen außerhalb der Schule, zum Beispiel in ihren Sportvereinen. Dort hätten sie auch viele katholische Freunde gehabt und seien gut integriert gewesen. Halt fanden sie zudem in der evangelischen Kirchengemeinde, zu der sie jeden Sonntag fünf Kilometer laufen mussten.

Marianne Schmidt, geboren 1937 im niederschlesischen Weißenstein (Biały Kamień), entgegnete auf die Frage von Lea und Pina, an welchen Moment nach ihrer Ankunft sie sich am besten erinnern könne: Als Zehnjährige habe sie auf dem (katholischen) Bauernhof zum ersten Mal wieder das Gefühl gehabt, ein Zuhause zu haben und angekommen zu sein. „Ich musste zwar viel und auch schwer arbeiten, aber ich gehörte dann einfach mit zur Familie. . . . Der Bauer hat mir auch später unter anderem mein Konfirmationskleid bezahlt“, berichtete Schmidt

Helge Flint (geb. 1937), die 1945 mit ihrer Mutter und ihrem Bruder von Hohensalza (Inowrocław) über Rügen und Melle nach Münster geflohen war, erzählte ihren Gesprächspartnerinnen Julia, Sophia und Varumilla, dass die katholischen und evangelischen Kinder zwar zusammen gespielt hätten, dass aber immer wieder mehr oder weniger beleidigende Reime über die jeweils andere Konfession gemacht wurden – dies sei jedoch von den Kindern nicht unbedingt ernst gemeint gewesen. Vielmehr habe sie den Eindruck gehabt, dass hier Vorurteile der Erwachsenen unter den Kindern weitergegeben wurden.

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