Interview mit Historiker
Professor Dr. Jakobi zur Diskussion über die Käfige am Lambertikirchturm

Münster -

Professor Dr. Franz-Josef Jakobi spricht sich im Interview für eine bessere öffentliche Dokumentation der Käfige an St. Lamberti aus. Derweil gibt es auch Stimmen, die Käfige abzuhängen.

Samstag, 28.10.2017, 17:00 Uhr aktualisiert: 28.10.2017, 17:02 Uhr
Franz-Josef Jakobi vor der Lambertikirche: In der Frage wie mit den dort aufgehängten Käfigen zu verfahren ist, hat er eine klare Meinung.
Franz-Josef Jakobi vor der Lambertikirche: In der Frage wie mit den dort aufgehängten Käfigen zu verfahren ist, hat er eine klare Meinung. Foto: Oliver Werner

Von 1987 bis 2005 war Prof. Dr. Franz-Josef Jakobi Leiter des Stadtarchivs. Zuvor war der heute 77-Jährige an der Universität beschäftigt. Mittelalterliche Geschichte, Stadtgeschichte und Didaktik der Geschichte sind seine Schwerpunkte, denen er sich noch heute widmet.

Kürzlich sorgte eine von ihm eingeleitete Diskussionsveranstaltung zu den Käfigen am Lambertikirchturm in der Reihe „Dialoge zum Frieden“ für Aufsehen. Über die Diskussion dort, die Bedeutung der drei eisernen Auftragsarbeiten für Münster und warum die Käfige eigentlich Körbe sind, sprach unser Redakteur Björn Meyer mit dem Historiker.

Herr Professor Jakobi, haben Sie eigentlich einen Facebook-Account?

Jakobi: Nein, den habe ich nicht.

Ich frage, weil die auf der Diskussionsveranstaltung geäußerte Forderung, die Käfige an der Lamberti-Kirche abzuhängen, für viel Aufregung in dem sozialen Netzwerk gesorgt hat. War das reine Provokation oder was steckt dahinter?

Jakobi: Eigentlich gab es die Forderung, sie einfach abzuhängen, gar nicht. Die drei Möglichkeiten, die ich bei einem einleitenden Statement genannt habe, sind: Erstens, alles so zu lassen wie es ist. Zweitens, die Körbe mit einer angemessenen Dokumentation zu versehen, oder drittens, sie abzuhängen, um sie ins Stadtmuseum zu bringen und dort eine ausführliche Einordnung vorzunehmen. Dass es diese Forderung ernsthaft gibt liegt daran, dass Menschen protestantischen Glaubens, vor allem wenn sie freikirchlich organisiert sind, die Körbe als diskriminierend empfinden. Baptisten und Mennoniten, die zahlenmäßig größere Christenkirchen sind als die evangelische Kirche Deutschlands zum Beispiel, können darin eine Verletzung ihrer religiösen Überzeugung sehen.

Nun ist es einfach solche Thesen aufzustellen. Wie ist denn Ihre persönliche Meinung?

Jakobi: Bei der Podiumsdiskussion habe ich mich als Stadthistoriker betrachtet, der die geschichtlichen Inhalte aufzubereiten hat. Ich persönlich plädiere allerdings für die Variante mit der zusätzlichen Dokumentation. Das war auch weitgehend der Konsens der Podiumsteilnehmer sowie der Anwesenden bei der Veranstaltung. Nur wenige Stimmen waren dagegen. Aus meiner Sicht müssen die Körbe hängen bleiben. Ich sage übrigens Körbe statt Käfige, weil dort ja niemand lebendig gefangen gehalten wurde, sondern lediglich Leichen ausgestellt wurden. Mittels einer Dokumentation soll die Bedeutung nachvollziehbar gemacht werden. Das würde jedem erlauben, die Körbe als unveränderbaren Teil des Traditionserbes der Stadt Münster anzusehen. Damit könnte man den unterschiedlichen Erwartungen gerecht werden, und es wäre gut.

Sie sagen „und es wäre gut“. Glauben Sie denn, dass würden auch die Menschen so empfinden, die sich und ihren Glauben bislang von den Käfigen diskriminiert sehen.

Jakobi: Das kann ich natürlich nicht beurteilen, dass können diese nur selbst sagen. Vielleicht ist aber ein Konsens auf dieser mittleren Ebene möglich.

Wenn Geschichtliches in irgendeiner Form verändert werden könnte, ist das immer ein heikles Thema. Ich erinnere an den Hindenburgplatz.

Jakobi: An der Debatte habe ich mich seinerzeit intensiv beteiligt. Das Problem war damals ein völlig anderes. Der Rat hatte den Platz ja bereits in Schlossplatz umbenannt. Dann gab es eine Bürgerinitiative für eine Rückbenennung. Das aber wäre fatal gewesen, historisch-inhaltlich und für den Ruf Münsters. Die Stadt hätte in der überregionalen Presse am Pranger gestanden. Als die Stadt, die einen Platz nach Hindenburg neu beziehungsweise wieder benennt, während landauf, landab genau diese Straßenbenennungen geändert werden.

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Empfanden Sie die Umbenennung seitens des Rates denn als richtig.

Jakobi: Ja, natürlich. Hindenburg ist eine belastete historische Persönlichkeit.

Hindenburg, sagen Sie, ist eine belastete Persönlichkeit. Die Käfige sind aber auch für manche Menschen belastet. Wo ist der Unterschied?

Jakobi: Ein Denkmal zu beseitigen ist etwas anderes als eine Straße umzubenennen und das zu dokumentieren. Die Alliierten haben nach dem Krieg verfügt, dass alle Straßen und Plätze, die nach führenden NS-Funktionären benannt waren, umzubenennen sind. Bei Hindenburg liegt der Fall natürlich anders. Das Bild Hindenburgs in der Fachdiskussion der Historiker ist aber mittlerweile ziemlich eindeutig: Steigbügelhalter Hitlers. Daher war es aus meiner Sicht ebenso gerechtfertigt, die frühere Straßenbenennung nach ihm zu revidieren. Und so hat es der Rat ja auch beschlossen.

Könnten mehr Informationen zur Stadtgeschichte ganz allgemein zu einer Aktivierung des Bürgerinteresses für ihre Stadt bedeuten.

Jakobi: Ja, nach meiner Auffassung ist das so. Zum Beispiel sind zwei der wichtigsten Identifikationsmerkmale der Stadt, der Westfälische Frieden und der Friedenssaal, für die Rezeption durch eine interessierte Öffentlichkeit nicht zureichend aufbereitet und nicht optimal präsentiert. Viele Besucher müssen sich durchfragen und werden nicht gezielt hingeführt. Es gibt aber Vorüberlegungen, das zu verbessern.

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