Theater Münster startet Vortragsreihe über Heinrich Böll
„Keine Sau will etwas vom Krieg lesen“

Münster -

Es dauerte keine Ewigkeit, bis große Zeitungen nach dem Tod Heinrich Bölls 1985 die Frage aufwarfen, was der Schriftsteller „uns“ noch zu sagen habe. War er nicht der Nachkriegsautor par excellence, ganz und gar seiner Zeit und deren Themen verhaftet – und damit irgendwie von gestern?

Freitag, 17.11.2017, 12:08 Uhr
Prof. Dr. Ralf Schnell
Prof. Dr. Ralf Schnell Foto: zin

Prof. Dr. Ralf Schnell (Universität Siegen) ist als Herausgeber der Böll-Gesamtausgabe wie kaum ein Zweiter berufen, solchen Mutmaßungen entgegenzutreten. Am Montag eröffnete er die Reihe der Theatergespräche über Böll zu dessen 100. Geburtstag; mit einem Vortrag, der von profunder Kennerschaft zeugte und die Zuhörerschaft unwiderstehlich hineinzog in die Anfänge von Bölls Schaffen. Das machte neugierig auf die folgenden, insgesamt 40 Veranstaltungen, die in diesem Umfang einmalig sind.

Am Anfang allen Schaffens: Die Kriegserfahrung des jungen Böll, die sich in sein Werk unauslöschlich einprägte. Und die Ralf Schnell durch Zitate aus den Kriegstagebüchern ans Licht holte. „Wer in diesen Tagebüchern liest, versteht, warum sich Böll zeitlebens gegen Gewalt ausgesprochen hat.“ Sein Anti-Preußentum verdanke sich dieser Kriegserfahrung.

Allerdings verhinderte genau diese thematische Orientierung anfangs, nach dem Krieg, seinen Erfolg. „Mein eigentliches Gebiet ist ja offenbar der Krieg (…) und keine Sau will etwas vom Krieg lesen“, notierte Böll bitter. An seine Frau Annemarie aber schrieb der gläubige Katholik: „Es ist wirklich eine Gnade, wenn wir leiden dürfen, denn wir dürfen dann doch auf eine geheimnisvolle Weise wie Christus sein.“ Ralf Schnell zeichnete die Hungerjahre anhand von Zitaten aus seinem Buch „Heinrich Böll und die Deutschen“ nach, bis hin zu Bölls Durchbruch, der Satire „Die schwarzen Schafe“ von 1951.

Dann das Jahr 1972. Böll erhielt den Nobelpreis – und provozierte zeitgleich einen Skandal. Ein „Spiegel“-Essay (der vom Magazin irreführend betitelt wurde) hatte zur Folge, dass Böll unreflektierte Nähe zur RAF unterstellt wurde. Ralf Schnell zitierte aus einem bislang kaum bekannten Brief an den RAF-Anwalt (und heutigen Rechtsextremisten) Horst Mahler. Auch hier sprach sich Böll entschieden gegen jede Form der Gewalt aus, ebenso wie gegen die Zwangsbeglückung von Menschen. „Es wird höchste Zeit, dass eine große Zeitung diesen Brief publiziert“, resümierte der Professor.

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