„Istanbul Friends“-Festival im Pumpenhaus mit zwei Aufführungen gestartet
Alle schwärmen für die Kellnerin

Münster -

Gehen oder bleiben? Diese Frage stellen sich weltweit Abertausende, deren Lebensumstände sie dazu zwingen, Heimat und Exil gegeneinander abzuwägen. Auch in der Türkei . . .

Freitag, 17.11.2017, 12:08 Uhr
In „Zwischenhalt“ der Theaterkompanie „Sermola Performans“, versuchen ein Türke, ein Kurde und ein Deutscher miteinander ins Gespräch zu kommen.
In „Zwischenhalt“ der Theaterkompanie „Sermola Performans“, versuchen ein Türke, ein Kurde und ein Deutscher miteinander ins Gespräch zu kommen.  Foto: -wam-

Gehen oder bleiben? Diese Frage stellen sich weltweit Abertausende, deren Lebensumstände sie dazu zwingen, Heimat und Exil gegeneinander abzuwägen. Auch in der Türkei, wo regierungskritische Stimmen einen permanent wachsenden Druck verspüren. Regisseur Frank Heuel vom Fringe-­Theater schloss sich bei einem Aufenthalt in Istanbul mit der widerständigen Szene kurz. Drei hochaktuelle, augenöffnende Gemeinschaftsprojekte hat er ins Pumpenhaus importiert.

„Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache“, wird der Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt gern zitiert. Wohl dem jedoch, der eine einzige Herkunftssprache sein eigen nennt. Sind es gleich drei, wird es kompliziert: Das Stück „Lost in Language“ entwirft die Biografie einer jungen, kurdischen Frau, die als Flüchtling in Niedersachsen Deutsch lernt. Mit ihrer alevitischen Familie, die sie protestantisch taufen lässt, kehrt sie in die Türkei zurück. Sie begegnet dem Publikum als dreifach aufgespaltener Charakter: Gülhan Kadim, Laila Nielsen und Berfin Zenderlioglu führen durch ein Leben zwischen den Stühlen, pendelnd zwischen Hoffnung, Anfeindungen und Selbstzweifel. Jede spricht den Text in in ihrer jeweiligen Muttersprache – Kurdisch, Deutsch, Türkisch. Unbeschwertes Kinderspiel oder Balance-Akte einer Turnübung illustrieren Stationen der Sozialisation. Drei Schriftrollen mit dem dramatischen Text knüpfen ein Band ringsum und durch das Auditorium. Sie träume auf Deutsch, sagt die dreiköpfige Protagonistin, nicht ohne Irritation. Eine Verwurzelung, Heimat aber bietet ihr erst die Kunst. Eine Muttersprache, die sich gleichwohl politischer und finanzieller Begehrlichkeiten erwehren muss.

Dreisprachig ist auch das zweite Stück des Abends. In „Zwischenhalt“ der Theaterkompanie Sermola Performans treffen ein Türke, ein Kurde und ein Deutscher an einer Bushaltestelle aufein­ander und versuchen, ins Gespräch zu kommen. Ohne eine gemeinsame „Lingo“ kann das nur aberwitzig werden, gespickt mit Missverständnissen und Absurditäten, Slapstick, Pantomime. Dazu ist der eine noch Puppenspieler, der andere Tänzer und der Deutsche im Bunde ein Unternehmer. Gemeinsam haben sie nicht nur einen Grund, aus dem Land zu fliehen (von einem Sturm ist die Rede), sondern auch einen Schwarm: die Kellnerin Min. Argwöhnisch verfolgen sie Nachrichten, die die Ankunft des Busses und die verfügbaren Sitzplätze ankündigen, unendlich gefangen in einer Warteschleife. „Ich weiß, sie verstehen kein Wort, aber das ist eine irre Geschichte“, sagt der türkische Puppenspieler mittendrin und bringt damit dieses fulminante, tragikomische Stück auf den Punkt.

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