Hamburgs Konzerthaus ein Jahr in Betrieb
Das Erlebnis Elbphilharmonie

Hamburg -

Schiet-Wetter in Hamburg? Den Besuchern der Elbphilharmonie ist das auch ein Jahr nach der Eröffnung der Plaza egal. Sie strömen auch bei Regen und Wind zu dem spektakulären Konzerthaus, holen sich ein Gratis-Ticket für die Aussichtsplattform und fahren auf der schier endlosen Rolltreppe hinauf zum achten Stock, wo ihnen sogar im Innenbereich der Wind um die Nase weht. Aber wer sich hier als frisch vermähltes Paar vor großer Kulisse fotografieren lässt, der nimmt auch ein wenig Gänsehaut in Kauf.

Freitag, 17.11.2017, 16:00 Uhr
Zahlreiche Besucher sind bei schönem wie regnerischem Wetter auf der Plaza der Elbphilharmonie in Hamburg unterwegs. Mit einem kleinen Festakt und weiteren Geburtstagsgästen feierte die Elbphilharmonie-Plaza jetzt ihren ersten Geburtstag. Seit der Eröffnung vor einem Jahr haben bereits vier Millionen Hamburger und Touristen das Konzerthaus mit der Aussichtsplattform besucht.
Zahlreiche Besucher sind bei schönem wie regnerischem Wetter auf der Plaza der Elbphilharmonie in Hamburg unterwegs. Mit einem kleinen Festakt und weiteren Geburtstagsgästen feierte die Elbphilharmonie-Plaza jetzt ihren ersten Geburtstag. Seit der Eröffnung vor einem Jahr haben bereits vier Millionen Hamburger und Touristen das Konzerthaus mit der Aussichtsplattform besucht. Foto: dpa

Für Konzertbesucher ist hier gerade mal das philharmonische Basislager erreicht. Um in den großen Saal zu gelangen, sind noch einige Treppen und Stockwerke zu überwinden, Aufzüge Mangelware. Klassik hält fit in diesem Gebäude. Wozu natürlich auch passt, dass Raucher sehr viel Zeit brauchen, um in der Konzertpause hinunter ins Erdgeschoss und nach der Zigarette wieder hinauf zu kommen. Zum Pausensekt gelangt man trotz der vielen umständlichen Foyergänge und Treppen schneller. Doch man muss es zugeben: Praktisch ist diese in sich selbst verliebte Architektur nicht.

Aber schön ist sie. Der große Saal mit seinen fließenden Linien und den dezent asymmetrisch in die Höhe wachsenden Sitzgruppen spiegelt optisch sehr gut wider, was er akustisch bietet. Beim jüngsten Konzert des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters konnte sich der Zuhörer an den Klängen des Beethoven-Violinkonzerts laben, ohne darin zu versinken. Das Orchester klingt hell und transparent, aber nicht unangenehm kühl. Dass jedes Instrument akustisch allein unterwegs sei, wie nach dem Eröffnungskonzert im Januar gemäkelt wurde, ließ sich an diesem Abend keineswegs nachvollziehen. Womöglich hat ja auch das „Hausorchester“, das unter der Leitung von Paavo Järvi spielte, mittlerweile eine größere Homogenität erreicht als bei der ersten Begegnung mit dem neuen Saal. Jedenfalls war es eine Wohltat, auch bei relativ großer Streicherbesetzung Fagottstimmen herauszuhören, die sonst eher verborgen sind, und dennoch einen satten Orchestersound zu genießen. Solist Frank Peter Zimmermann könnte in diesem Ambiente ganz unangestrengt seine Virtuosenkünste ausbreiten, sorgte im langsamen Satz für noch mehr Drive als der ohnehin flotte Dirigent und bedankte sich mit einer tollkühnen Rachmaninow-Bearbeitung als Zugabe.

Die Tücken der hellhörigen Akustik offenbaren sich, wenn punktuelle Klangereignisse in den Vordergrund treten. Im zweiten Teil des wahrhaft langen Konzerts nämlich, bei der 80-minütigen Leningrader Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, war die kleine Trommel in den grotesken Steigerungswellen des Kopfsatzes überpräsent. Mag dieser Effekt auch zu Järvis Interpretation gepasst haben, der in dieser halbstündigen musikalischen Kriegs-Reflexion das überwölbende Legato verschmähte, so entsprach er doch einem anderen Phänomen: Jeder Huster ist in diesem Raum überaus deutlich zu hören, und in den leisen Passagen der Schostakowitsch-Sinfonie hatte man stellenweise (wie schon im Beethoven-Larghetto) den Eindruck, einem Hamburger Husten-Konzert beizuwohnen. Da machten sich aus vielen Kehlen Schiet-Wetter-Folgen vernehmbar.

Järvi und das Elbphilharmonie-Orchester führten jedoch unbeeindruckt das gewaltige Stück über die langen elegischen Passagen hinweg zu einem fulminant-spannungsvollen Schluss, bei dessen martialischen Klangballungen die schöne Transparenz des Saales dann doch an ihre Grenzen kommt: Das knallte ganz heftig. Welch angenehme Erfahrung indes für Konzertbesucher aus Münster: In den Foyers, die man beim Abstieg wieder durchläuft, führen die Gespräche von mehr als 2000 Besuchern nicht annähernd zu jenem Geräuschpegel, den man vom hiesigen Theater gewohnt ist. Erst draußen wird man wieder umtost: vom Wind aus dem Hafen.

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