Farbenfrohe Herausforderung
Kunsthalle Bielefeld zeigt die sehenswerte Ausstellung „Der böse Expressionismus“

Bielefeld -

Es geht farbenfroh zu in Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld über den Expressionismus. Doch der Titel irritiert zunächst: „Der böse Expressionismus“. Der scheint zu den Impressionen eines Erich Heckel mit Badeszenen am Strand oder weitgehend unbekleideten Frauen von Karl Schmidt-Rottluff aus der Zeit vor 1914 gar nicht zu passen, in denen die Künstler die rigiden gesellschaftlichen Konventionen abstreiften und das natürliche, freie Leben entdeckten. Der Erste Weltkrieg, den auch zahlreiche Künstler begrüßten und ihre Begeisterung für Kaiser, Volk und Vaterland schon bald mit dem Leben bezahlten – wie August Macke oder Franz Marc –, bedeutete eine Zäsur. Vorbei war es mit den Szenen unbeschwerten Lebens.

Montag, 27.11.2017, 16:28 Uhr
In leuchtenden Farben erscheint ein soziales Thema: Conrad Felixmüller zeigt ein Kind, das durch den Schnee vor der titelgebenden „Kinderbewahranstalt“ geht.
In leuchtenden Farben erscheint ein soziales Thema: Conrad Felixmüller zeigt ein Kind, das durch den Schnee vor der titelgebenden „Kinderbewahranstalt“ geht. Foto: Dierk Hartleb

Visionär muss aus heutiger Sicht ein Werk mit dem Titel „Pogrom“, das Jakob Steinhardt 1911/12 malte, erscheinen, das in düsteren Farben ausgemergelte Gesichter zeigt. Steinhardt (1887–1968), jüdischen Glaubens, gründete mit Richard Janthur und Ludwig Meidner die Gruppe „Die Pathetiker“, gehörte später ab 1917 zur Gruppe der „Berliner Sezessionisten“ und wanderte nach der Machtergreifung 1933 nach Palästina aus, wo er in Jerusalem ein hoch angesehener Künstler wurde.

Dieses Bild Steinhardts steht stellvertretend für die Gruppe von Künstlerinnen und Künstler, die nicht im Scheinwerferlicht stehen, wenn der Begriff „Expressionismus“ fällt, sondern die wie William Wauer oder Gert H. Wollheim hinter den großen Namen zurückstehen und doch bedeutende Werke hinterlassen haben. Das ist allerdings nur ein Teilaspekt der Ausstellung.

Konsequent haben die Kuratorinnen Jutta Hülsewig-Johnen und Henrike Mund herausgearbeitet, dass der Expressionismus nicht nur eine Kunstströmung war, die auch andere Kulturbereiche wie Literatur, Theater, Musik und Tanz erfasst hat, sondern eine Lebensform. „Wir wollen die Bürger nicht unterhalten, wir wollen ihnen ihr bequemes, ernsterhabenes Weltbild tückisch demolieren“, provozierte Herwarth Walden in seiner „Sturm“-Zeitschrift. Wie 50 Jahre später die Achtundsechziger und Hippies traten die Expressionisten als Bürgerschreck auf, brachen Tabus, nahmen Drogen und beendeten Prüderie, propagierten Triebverzicht und beriefen sich bei ihrer Suche nach einem selbstbestimmten Leben auf Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud.

Nur so lassen sich die für damalige Verhältnisse freizügigen Darstellungen, die den nackten Körper ins Bild setzen, richtig verorten. Auch das Thema Prostitution, das in Frankreich ein Toulouse-Lautrec schon ein Vierteljahrhundert früher salonfähig gemacht hatte, griffen die Expressionisten auf. Neben den Bildwerken umfasst die Ausstellung auch Fotografien, die die Künstler in ihrer Ateliersituation mit ihren Modellen – oft unbekleidet – zeigen.

Eine kleine Abteilung beschäftigt sich mit der Darstellung von Bewegung der Tänzerinnen in den Nachtclubs oder den Formen des modernen Ausdruckstanzes. Bei Ernst-Ludwig Kirchner wird die Suche danach, wie sich die fließende Bewegung bildlich darstellen lässt, zum künstlerischen Thema.

Unter der traumatischen Erfahrung der Kapitulation am Ende des Ersten Weltkriegs steigerten die Künstler die Vehemenz ihrer Aussagen und schalteten auf Angriff. Offen prangerten sie – wie Otto Dix, George Grosz aber eben auch Gert H. Wollheim und Ludwig Meidner – politische, gesellschaftliche und soziale Verwerfungen an. Besonders nachhaltig wirkt das eigentlich farbenfrohe Bild „Kinderbewahranstalt“ von Conrad Felixmüller aus dem Jahr 1924, das ein Kind durch Berge von Schnee stapfend zeigt, die Hände in den Manteltaschen vergraben.

Insgesamt 200 Bildwerke haben Kuratorinnen zusammengetragen, darunter hochkarätige Leihgaben. Die unbedingt sehenswerte Ausstellung, die die kritische, „böse“ Seite des Expressionismus zeigt, wird begleitet durch ein umfangreiches Rahmenprogramm.

Zum Thema

Kunsthalle Bielefeld: Der böse Expressionismus – Trauma und Tabus, bis 11. März

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