Christliche Initiative Romero
Kritik an Primark: Billige Plastikkleidung zum Wegschmeißen

Münster -

Wenn am Donnerstag das Textilunternehmen Primark in Münster eine Filiale eröffnet, wollen 50 bis 100 Aktivisten parallel auf der Stubengasse auf das umstrittene Geschäftsmodell der irischen Billigmode-Kette aufmerksam machen. Kirsten Clodius von der Christlichen Initiative Romero wird dabei sein und erzählt im Interview, was sie an Primark kritisiert. 

Mittwoch, 29.11.2017, 16:41 Uhr aktualisiert: 30.11.2017, 17:24 Uhr
Christliche Initiative Romero: Kritik an Primark: Billige Plastikkleidung zum Wegschmeißen
Modekette Primark: Billig boomt in Deutschland. Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa

Könnten Sie derartige Gegenaktionen wie am Donnerstag nicht bei fast allen Modeketten machen? Warum gerade Primark?

Clodius: Man kann das auf jeden Fall für alle machen. Aber für uns ist Primark das Paradebeispiel für eine Fast-Fashion-Marke. Wir kritisieren dieses Produktions-Muster aus der Fast-Fashion-Industrie. Bei Primark fällt es einfach besonders auf, dass eine Art Greenwashing betrieben und immer wieder auf Nachhaltigkeit hingewiesen wird. Aber das sehen wir nicht. Das ist Augenwischerei. Dieses schnelle Konsum-Muster ist genau das Gegenteil von nachhaltig. Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt sind verheerend. Wir wollen mit der Aktion genau das zeigen: die Schönfärberei aufdecken, indem wir Gegenfakten bringen.

Was kritisieren Sie an Primark und deren Produktionsbedingungen?

Kirsten Clodius: Die Löhne der Näherinnen sind derartig gering, dass überhaupt keine nachhaltige Entwicklung für die Menschen möglich ist. Sie leben in absoluter Armut und können keinen Cent sparen. Wir berufen uns da auf Studien, insbesondere auf eine zu Myanmar. Da verdienen die Näherinnen 2,71 Euro am Tag, das ist ein Stundenlohn von 34 Cent. Gleichzeitig hängt Primark Schaufenster-Poster auf, auf denen sie sich dafür loben, dass sie Landwirtinnen-Programme im Baumwollanbau durchführen, damit es den Frauen dort besser geht. Das sind Vorzeige-Projekte, die davon ablenken sollen, dass das ganze Muster, das Primark vorantreibt, im höchsten Maße unfair und unökologisch ist. Diese Masse an Kleidung, die dort produziert wird, der Einsatz von Chemikalien und Pestiziden im Baumwollanbau ist wahnsinnig hoch - und dann sind viele Sachen noch nicht mal Baumwolle, sondern bestehen aus Kunstfasern. Die wiederum haben einen starken Abrieb in den Waschmaschinen und spülen kleine Plastikpartikel ins Grundwasser und in die Meere. Es ist zudem eine absolute Überproduktion an Kleidung. Wir brauchen das alles nicht. Das ist produziert zum Wegschmeißen. So sind ja auch die Preise: Es lohnt sich fast nicht, die zu waschen. Man kauft sich einfach etwas Neues.

Kirsten Clodius ist Pressesprecherin bei der Christlichen Initiative Romero Münster.

Kirsten Clodius ist Pressesprecherin bei der Christlichen Initiativen Romero Münster. Foto: Christliche Initiative Romero

Gibt es Unterschiede zu den Produktionen bei anderen Modeketten?

Clodius: Bei Primark unterscheidet sich das vor allem durch die Geschwindigkeit, mit der neue Ware in die Läden kommt. Es gibt nicht mehr die vier oder acht Mode-Saisons für Frühling, Sommer, Herbst und Winter und den Zwischensaisons, sondern es finden ein permanentes Aufstocken und ein ständiger Wechsel der Kollektionen statt. Oft werden neue Trends von den Laufstegen kopiert und innerhalb weniger Wochen muss das bei uns in den Läden sein. Das ist ein Unterschied zu anderen Herstellern. Zudem macht Primark den Gewinn über die Masse. Und überall da, wo schnell Masse produziert wird, da ist die Qualität gering und der Druck auf die Näherinnen in den Fabriken hoch. Hinzu kommt: Die Zulieferfabriken - Primark hat keine eigenen Fabriken - sind geheim. Wir fordern als Teil eines der internationalen Kampagne für Saubere Kleidung seit 2016 72 Modeunternehmen auf, die Lieferkette offenzulegen, damit wir sehen können, wo produziert wird. Primark gehört zu den Unternehmen, die sich weigern, die Produktionsstätten zu nennen. Da fragt man sich natürlich: warum?

Wer hat es denn schon offengelegt?

Clodius: Zum Beispiel Esprit, C&A, Adidas, Lidl und Aldi, G-Star Raw, Gap, Fruit of the Loom, H&M und weitere...

Woher weiß ich, wo und unter welchen Bedingungen meine Kleidung produziert wurde?

Clodius: Es gibt einige Siegel und Label, die uns weiterhelfen. Aber zurzeit gibt es noch keins, das die gesamte Produktionskette abgedeckt. Es werden immer unterschiedliche Produktionsstufen unter die Lupe genommen. Es gibt Siegel, die finden wir besser und andere finden wir schlechter. Weil nicht alle das halten, was sie versprechen, wie zum Beispiel Oeko-Tex® Standard 100. Die Grenzwerte des Siegels sind nicht unbedingt strenger als die, die das deutsche Gesetz sowieso vorschreibt. Und während der Produktion wird genauso viel Chemie eingesetzt, wie bei anderen Kleidungsstücken auch. Es ist für uns mehr Augenwischerei als ein glaubwürdiges Siegel. Wir versuchen, auf unserer Internetseite aufzuklären, was welche Siegel beinhalten und wofür sie stehen. Wir haben auch einen kleinen Siegel-Guide erstellt, den man bei uns bestellen kann. Für uns gibt's eigentlich nur die Fair Wear Foundation als das derzeit glaubwürdigste Siegel. Wenn Unternehmen schon ein paar Jahre in der Foundation sind, sich unabhängig überprüfen lassen und gute Noten im Prüfbericht erhalten, dann dürfen sie einen kleinen, roten Kleiderbügel in ihr Etikett einnähen. Aber das haben noch nicht viele Unternehmen. Ansonsten zeigt das Global Organic Textile Standard (GOTS) noch sehr viel, das Fair Trade-Siegel steckt noch in den Kinderschuhen. Wir raten immer dazu, auf die Internetseite der Fair Wear Foundation zu gehen und zu gucken, wer dort Mitglied ist. Denn da kann man davon ausgehen, dass die Unternehmen erste Schritte eingeleitet haben und glaubwürdig auf einem Weg sind, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Sonst ist es natürlich immer ein gutes politisches Statement, bei grünen oder fairen Modelläden einzukaufen, die mit den Siegeln, die es gibt, arbeiten und möglichst zertifizierte Kleidung verkaufen. Indem man die fördert, kann man ein gutes Zeichen setzen.

Ich als Käuferin kann meinen Beitrag leisten, indem ich mich für oder gegen bestimmte Produkte entscheide?

Clodius: Wir wollen Konsumenten dazu ermuntern, in den Geschäften nachzufragen: Wo kommt meine Kleidung her? Auch bei den Verkäufern, die sich vielleicht noch nicht damit auskennen. Wenn sie oft mit der Frage konfrontiert werden, dann wird das vielleicht Thema. Wir produzieren außerdem Materialien, mit denen Konsumenten ein politisches Statement setzen können. Man kann zum Beispiel Postkarten von uns an die Bundesregierung verschicken, damit sie sich stark macht für gesetzliche Regulierung. Oder man schreibt seiner Lieblingsmarke und erfragt, wie fair die Kleidung produziert wurde und was die Näher verdienen.

Was machen diejenigen, die nicht mehr Geld für Kleidung ausgeben können?

Clodius: Wir können da auf keinen Fall mit dem moralischen Zeigefinger kommen und sagen: "Kaufen Sie nicht bei Primark." Wir würden niemals zum Boykott aufrufen. Stattdessen empfehlen wir allen, nicht nur wirtschaftlich schwachen, Second Hand zu kaufen. Kleidertausch finden wir auch gut. Dort kann man qualitativ hochwertigere Kleidung tauschen, statt billige Plastikkleidung, die zum Wegschmeißen produziert wird, zu kaufen. Und dann kann man noch in der Fair Wear Foundation-Liste nach Unternehmen gucken, die nicht so teuer sind. Wir wollen zwar vermeiden, Werbung für irgendein Unternehmen zu machen, aber Takko wäre ein Beispiel aus der Liste.

Mehr zum Thema

Das Aktionsbündnis "Fair Fashion statt Fast Fashion" organisiert am Donnerstag (30. November) von 10 bis 16 Uhr einen Aktionstag auf der Stubengasse in Münster. Anlässlich der Eröffnung einer Primark-Filiale in der Salzstraße setzen 50 bis 100 Aktivisten ein Zeichen für nachhaltige Mode und klären über Produktionsbedingungen bei Primark und Folgen für Mensch und Umwelt auf. Eine Kleidertauschparty und weitere Aktionen sind geplant.

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10 Dinge über Primark, die Sie wissen sollten

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  • Kult-Marke und Hass-Objekt: Kaum eine Nachricht wurde in letzter Zeit so emotional aufgenommen wie die Meldung, dass Primark eine Filiale in Münster eröffnen wird . Worum geht es in der Debatte? Zehn Dinge, die Sie über den irischen Textil-Discounter wissen sollten:

    Foto: dpa
  • Mit einer aggressiven Preispolitik ist Primark auf Wachstumskurs. Bei der Öffnung von neuen Filialen herrscht - wie hier in Madrid - oft so großer Andrang wie sonst nur beim ersten Verkaufstag des iPhones. Mittlerweile ist Primark in zehn europäischen Ländern und in den USA mit mehr als 300 Filialen vertreten. 

    Foto: dpa
  • 2,50 Euro für ein T-Shirt, 9 Euro für eine Hose: Primark begründet seine niedrigen Preise damit, dass sie keine Werbekampagnen starten und die Ware in großen Mengen bestellen. Dadurch entstünden die niedrigen Kosten für das einzelne Produkt. Außerdem Teil des Konzepts: kein Online-Shop, keine Kollektionen, kein Schlussverkauf.

    Foto: dpa
  • Das Geschäftsmodell ist auf jeden Fall erfolgreich. Von 2008 bis 2015 ist der Umsatz von Primark von 2,13 auf 5,35 Milliarden Pfund gestiegen. Der Gewinn sprang in dem Zeitraum von 186 Millionen auf 673 Millionen Pfund. Vor allem bei Jüngeren hat die Marke schon fast Kultstatus.

    Foto: dpa
  • Die Arbeitsbedingungen, unter denen die Primark-Kleidung produziert wird, werden oft kritisiert (wie hier bei der Eröffnung einer Filiale in Berlin). Zu den Löhnen, die in den Herstellungsländern gezahlt werden, schweigt Primark. Die Firma rechtfertigt sich mit der Argumentation, dass die Arbeitskräfte in den Fabriken  immer den gleichen Lohn erhielten, egal, ob sie für Primark oder für eine Luxusmarke produzierten.

    Foto: dpa
  • 2013 starben beim Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch 1100 Menschen. Dort wurde Kleidung für mehrere Markenunternehmen produziert - auch für Primark. Nach eigenen Angaben hat Primark danach umgerechnet 13 Millionen Euro an Entschädigungen gezahlt.

    Foto: dpa
  • Paul Lister, Ethikbeauftragter von Primark, gab zwei Jahre nach dem Rana-Plaza-Unglück an, nur 1500 von 4500 Textilfabriken in Bangladesch seien in einem „akzeptablen Zustand“. Trotzdem setzt Primark weiter auf Bangladesch, rund 14 Prozent der Ware wird dort nach Unternehmensangaben hergestellt. Bei der Auswahl der eigenen Fabriken lege Primark aber großen Wert auf die regelmäßige Kontrolle der Zustände. 
    Mehr über die Arbeitsbedingungen in Bangladesch

    Foto: dpa
  • Das Unternehmen kommt aus Irland, die erste Filiale wurde 1969 in Dublin eröffnet. Dort heißt die Kette nach wie vor „Penneys“. Mutterunternehmen ist der britische Lebensmittelkonzern Associated British Foods, zu dessen Produktpalette  unter anderem Ovomaltine und Isostar gehören.

    Foto: dpa
  • Zufriedene Kunden? Nicht wirklich. In einer Studie der Unternehmensberatung OC&C zur Kundenzufriedenheit von Modehändlern landete Primark 2015 auf Rang 22 von 26. Gewertet wurden Antworten zu Preis, Qualität, Auswahl, Einkaufserlebnis, Service und Kundenvertrauen. Ein Wert von 75 Indexpunkten und höher ist laut OC&C als sehr gutes Ergebnis zu werten, Werte unterhalb von 70 würden auf Schwächen hinweisen. Primarks Wert: 66,7.

    Foto: dpa
  • Dieses Bild wird man künftig vermutlich auch in Münster häufiger sehen: Primark verkauft seine Produkte in recycelten Papiertaschen und versucht so, sein Image zu verbessern.

    Foto: dpa
  • 2014 sorgten eingenähte Hilferufe in Primark-Kleidung für einen Aufschrei. Die vermeintlichen Botschaften ausgebeuteter Arbeiter erwiesen sich zwar schnell als Kampagne von Menschenrechtlern, das Image von Primark litt trotzdem. 

    Foto: Twitter
  • Was halten die Münsteraner von Primark in Ihrer Stadt?

    Foto: Youtube

 

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