Das Stück „Wunschkinder“ liefert spannende Generationenkonflikte
Im Borchert-Theater schlägt die Stunde der starken Frauen

Münster -

Die verschlungenen Pfade heutiger Erziehungswirklichkeit und Generationenkonflikte stehen im Mittelpunkt des Stückes „Wunschkinder“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz. Das Stück im Borchert-Theater gefällt nicht nur dramaturgisch und sprachlich, sondern auch choreografisch. Rückblick auf eine gelungene Premiere mit einem gut aufgelegten Ensemble.

Freitag, 01.12.2017, 14:36 Uhr aktualisiert: 01.12.2017, 15:21 Uhr
Vater und Mutter (Jürgen Lorenzen, l., und Monika Hess-Zanger) stoßen auf das junge Paar Marc und Selma (Johannes Langer, Rosana Cleve) an. Wird der Sohn endlich flügge?
Vater und Mutter (Jürgen Lorenzen, l., und Monika Hess-Zanger) stoßen auf das junge Paar Marc und Selma (Johannes Langer, Rosana Cleve) an. Wird der Sohn endlich flügge? Foto: Klaus Lefebvre

Das Labyrinth aus Ebenen, schiefen Stegen und ein paar Designermöbeln (Bühne: Annette Wolf) deutet an, worauf sich der Zuschauer in dem Stück „Wunschkinder“ einlässt: Es geht um die verschlungenen Pfade heutiger Erziehungswirklichkeit und Generationenkonflikte. Lutz Hübner, der in Münster studierte, dann Schauspieler und Regisseur wurde und heute zu den meistgespielten Autoren in Deutschland zählt, und seine Frau Sarah Nemitz haben dazu eine Figurenkonstellation ersonnen, die nicht nur dramaturgisch und sprachlich, sondern auch choreografisch gefällt. Das kommt nicht von ungefähr, denn Sarah Nemitz studierte Tanz, und Regisseurin Kathrin Sievers lässt die Figuren folgerichtig nicht nur pointiert sprechen, sondern auch laufen, tanzen, vornüberkippen oder in der Hängematte baumeln.

Ebendort chillt vor allem der 19-jährige Marc (punktgenau: Johannes Langer), ein Schlaffi erster Güte, der nach dem Abitur nicht recht weiß, wohin es ihn treiben soll. Vater Gerd (stark: Jürgen Lorenzen) ist der Papa, trägt als „Head of Development“ einen jener bescheuerten amerikanischen Managertitel und gibt auch in der Familie den alerten Problemlöser. Sohnemann soll raus, studieren, arbeiten und Geld verdienen. Mutter Bettine (überzeugend: Monika Hess-Zanger) verkörpert die Glucke im Haus, die sogar leidet, wenn der Nerd sein Aufladekabel vergessen hat.

Das führt bis etwa zur Mitte des Stückes zur stetigen Steigerung des familiären Ablöse- und Leidensdrucks, zumal Bettines Schwester Katrin (Andrea Jolly) als erzieherische Konkurrentin der Mutter noch den besten, weil distanzierten Zugang zu Marc hat, was mütterlichen Neid befeuert. Zielgerichtet führt das Borchert-Ensemble den Familienkonflikt auf die Spitze, und die Lautstärke zwischen Möbeln und Stegen erreicht hohe Phonzahlen. Bis Selma (kraftvoll: Rosana Cleve) die Bühne des Lebens betritt und der junge Mann sich anschickt, durch Liebe selbstständig zu werden. Eine ungeplante Schwangerschaft aber stürzt das Familienkonstrukt in neuen Sorge-Zwist, und der Zuschauer, zuvor belustigt von familiären Rollenmustern, die jeder kennt, hält den Atem an, weil der altväterliche „Problemlöser“ mit dem ungeborenen Kind umspringen will wie mit einer Sache.

Selmas Mutter Heidrun, fein gezeichnet von Jessica Walther-Gabory, wandelt sich vom depressiven Opfer prekärer Lebensumstände in eine pädagogisch patente Frau, als die gut situierte Bettine ihr nämlich das eigene Enkelkind abzuschwatzen versucht, um die Mutter-Ersatzrolle anzunehmen. Bleibt noch die Frage aller Fragen: Wird der Nerd endlich zum Mann und Vater?

Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Frauen die Verantwortung übernehmen, während die Männer schwadronieren oder sich aus dem Staub machen. Im Borchert-Theater schlägt also die Stunde der starken Frauen. Die Treffsicherheit dieser Familienstudie entlädt sich in langem Applaus für Regie und Akteure.

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