Interview mit Axel Hacke
„Es geht um die eigene Haltung“

Münster -

Der Ton wird rauer und gröber, Anfeindungen im Internet häufiger: Kolumnist und Buchautor Axel Hacke sieht die Demokratie in Gefahr. Er fordert mehr Anstand und respektvolleren Umgang.

Freitag, 01.12.2017, 16:22 Uhr aktualisiert: 03.12.2017, 16:30 Uhr
Der Autor Axel Hacke schreibt in seinem neuen Buch über den Anstand in schwierigen Zeiten.
Der Autor Axel Hacke schreibt in seinem neuen Buch über den Anstand in schwierigen Zeiten. Foto: Thomas Dashuber

Axel Hacke ist nicht nur Kolumnist beim Magazin der Süddeutschen Zeitung, sondern auch Buchautor. Sein neues Buch „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ ist zum Bestseller aufgestiegen. Unser Redaktionsmitglied Anna Spliethoff sprach mit dem Autor über die Entstehung des Buches und die Verrohung der Gesellschaft.

Herr Hacke, Sie schreiben über das Anständigsein – das klingt altmodisch. Warum ist das Thema im Moment so aktuell?

Axel Hacke: Das hat auch für mich am Anfang etwas Verstaubtes gehabt. Ich habe das als Kind selbst etwas zu oft gehört: „Setz sich anständig hin. Iss anständig.“ Aber genauer betrachtet hat der Begriff sehr viel mit Respekt vor anderen Menschen zu tun. Und genau dieser Respekt geht verloren, ob das in den Sozialen Medien ist, wo man eine beispiellose Verrohung des Umgangstons beobachten kann, ob das in der Politik oder im Alltag ist, wo auch ein Ton einzieht, der unfassbar grob und rüde ist.

Was war für Sie der Auslöser für das Buch?

Hacke: Der Auslöser war die Wahl von Donald Trump. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass ein Mensch von solcher Niedertracht in ein solches Amt kommen kann.

Im Bundestag sitzen viele Abgeordnete der AfD. Wird der Ton auch dort rauer?

Hacke: Deshalb habe ich das Buch ja geschrieben, weil sich dieser Ton ausbreitet. Und weil er bedeutet, dass etwas salonfähig wird, das es nicht sein sollte. Man gewöhnt sich an solche Dinge. Das ist gefährlich. Es hat gerade das Attentat auf den Bürgermeister von Altena gegeben. Vorher ist der Mann in den Sozialen Medien unglaublichen Beschimpfungen ausgesetzt gewesen. Da sieht man, wohin das führen kann, wenn man anfängt, den Dingen einfach so ihren Lauf zu lassen.

Warum verlieren Menschen gerade in den Sozialen Netzwerken jegliche Hemmungen?

Hacke: Die Leute agieren anonym, sie müssen nicht zu dem stehen, was sie da schreiben. Sie sondern einfach etwas ab und bekommen die Reaktion des Gegenüber gar nicht mit. Mittlerweile tun das viele aber auch schon unter ihrem Namen. Das ist, was ich mit Gewöhnung meine.

Haben Sie den Eindruck, dass wir die Empathie in unserer Gesellschaft völlig verlieren?

Hacke: Nein, das kann man so nicht sagen. Die große Mehrheit der Deutschen, das sind hoch anständige Leute, die sehr viel für das Gemeinschaftswesen tun. Aber es besteht die Gefahr, dass eine radikale und rücksichtslose Minderheit immer mehr an Boden gewinnt. Und damit muss man sich auseinandersetzen.

Aber was kann man tun, damit man sich daran eben nicht gewöhnt?

Hacke: Ich glaube, es muss ein Bewusstsein dafür geben, dies überhaupt zu einem großen gesellschaftlichen Thema zu machen. Das andere ist, dass man sich überlegen muss: Wie trete ich den Dingen gegenüber? Es geht um die eigene Haltung, die man dazu entwickelt. Das ist das, was ich mit Anstand meine.

Und wie begegnet man denen, die selbst jeden Anstand vermissen lassen?

Hacke: Sicher nicht, indem man sich auf deren Niveau begibt. Das hat keinen Sinn. Man muss denen mit einer eigenen Haltung entgegentreten. Bei Rechtsradikalen hat ein Gespräch meist keinen Sinn, das sind zynische, verbohrte Leute. Aber mit vielen, die vielleicht die AfD wählen, kann man ein Gespräch führen und fragen, warum und wieso. Ich bin immer dafür, dass man erstmal miteinander redet. Die Leute sind keineswegs immer Faschisten, sie fühlen sich oft nur nicht wahrgenommen.

Sie schreiben über den Anstand in schwierigen Zeiten. Haben Sie selbst noch Hoffnung, dass die Zeiten wieder besser werden?

Hacke: Ja natürlich. Es wird ja heute immer schnell alles sehr aufgeregt und fast hysterisch diskutiert. Aber eine Demokratie ist nie einfach nur selbstverständlich, sie muss immer neu erkämpft werden. Da stünde mehr Engagement vielen von uns gut zu Gesicht.

Zum Thema

Axel Hacke wird am Mittwoch (6. Dezember) ab 20 Uhr im Kap8 im Bürgerhaus Kinderhaus, Idenbrockplatz 8, unter anderem aus seinem neuen Buch lesen.

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