Tante Anny geht in Rente
Eine der letzten eigenständigen Drogerien der Stadt schließt

Münster -

Über ein halbes Jahrhundert war „Tante Anny“ und ihre Drogerie Anlaufstelle in St. Mauritz. Ende Dezember geht Anny Große Inkrott in Ruhestand. Wir haben sie noch ein Mal besucht.

Sonntag, 03.12.2017, 11:00 Uhr aktualisiert: 03.12.2017, 14:27 Uhr
Anny Große Inkrott war Herz und Seele der eigenen Drogerie.
Anny Große Inkrott war Herz und Seele der eigenen Drogerie. Foto: Björn Meyer

In einem Kellerraum an der Mondstraße 91 lagern, zumindest aus der Sicht eines jeden Nostalgikers, kleine Schätze. Ein hölzernes Schaukelpferd etwa steht da neben großen, alten Glasfaschen, in denen früher alle nur erdenklichen Lösungen verkauft wurden. Auch ein jahrzehntealtes Plakat mit einer so typisch-urigen Werbung für „das perfekte System für hygienisch saubere Teppiche“ findet sich in einer Ecke. Eine Etage darüber steht Anny Große Inkrott in ihrer Drogerie. Es ist kurz vor 17 Uhr, in der Dunkelheit draußen stürmt es. „Genug für heute“, sagt sie mit einem Lächeln und schließt die Ladentür zu.

So macht sie es seit über 50 Jahren, solange führt die mittlerweile 82-Jährige ihr Geschäft bereits. Doch diese Zeit geht bald zu Ende. Am 22. Dezember geht Tante Anny, wie sie von vielen ihrer Kunden genannt wird, in Rente – und mit ihr ein Stück Mauritz-Geschichte.

Ein Stück Mauritz-Geschichte

1957 zog das Ehepaar Große Inkrott aus Ostbevern nach Münster. „Damals war hier noch nichts los in der Mondstraße“, erinnert sich Anny Große Inkrott, während sie auf ein altes Foto blickt, dass ihr Haus in der Ursprungsform zeigt. Ihr Mann Arnold hatte beim Bau darauf bestanden, im Erdgeschoss des Gebäudes zwei kleine Ladenlokale einzurichten – um sie zu vermieten.

Die Bäckerei Krimp­hove ließ sich zunächst in einem der Läden nieder, in den zweiten zog eine Drogerie. Als diese nach neun Jahren pleite machte, entschied Arnold Große Inkrott, ein Bahnangestellter, dass das Geschäft doch zukünftig etwas für den Sohn sei.

Der aber war zu diesem Zeitpunkt erst ein paar Jahre alt und so übernahm Anny Große Inkrott nach einem Ausbau von Haus und Ladenlokal die Drogerie. Genau genommen zunächst zu ihrem Missfallen: „Nein“, erinnert sie sich schmunzelnd an das Jahr 1966, „ich wollte doch den Laden überhaupt nicht haben. Das war einzig und allein die Idee meines Mannes“, sagt sie mit gespielter Empörung. Dann lächelt sie: „Aus der heutigen Sicht muss man sagen, das war das Beste, was uns passieren konnte.“

Eine geborene Geschäftsfrau

Zwar stieg der Sohn der Große Inkrotts nie in den Laden ein, dafür erwies sich Anny Große Inkrott, deren Eltern einen Lebensmittelladen führten, als die geborene Geschäftsfrau. Nicht nur, weil sie immer wieder das Gespür für das richtige und häufig auch ausgefallene Sortiment hatte. Anny Große Inkrott schaffte auch eine Atmosphäre, in der sich ihre Kunden wohlfühlten.

Den einen habe sie Chlor und ein bisschen Salzsäure für ihre privaten Schwimmbäder verkauft, anderen Spiritus oder 96-prozentigen Weingeist: „Den brauchte man zum Eierlikörmachen.“ Besondere Beliebtheit genoss zudem das hauseigene Vogelfutter. Es sei das Einzige, das die Mauritzer Vögel fressen würden, hätten die Leute immer gesagt – und dafür auch mal spätabends geklingelt.

„Wir haben immer aufgemacht, das gehört doch dazu“, sagt Anny Große Inkrott und erinnert sich an den Fall, als eine Kundin nach Feierabend zu ihr gekommen sei, etwas gekauft und schließlich ganz stolz zu ihr gesagt habe: „Ich kaufe immer alles bei Ihnen, Frau Bonnekessel.“ „Das allerdings war die Drogerie weiter die Straße runter“, sagt Anny Große Inkrott und muss bei der Erinnerung laut lachen.

Das Sortiment hat sich über die Jahre natürlich verändert. „Früher waren Drogerien ja halbe Apotheken“, sagt sie und erzählt von dem eigenen Verband, der Tagungen ausgerichtet habe und wie sie zunächst eine Drogistin einstellen musste, um gewisse Dinge überhaupt verkaufen zu können.

Ihr vor zehn Jahren verstorbener Mann war nach seiner Pensionierung bei der Bahn in das Geschäft eingestiegen: „Er hat mir mal gesagt, dass sei die beste Zeit seines Lebens gewesen“, sagt Anny Große Inkrott, bei der man den Kaufpreis auch einfach auf die Theke legen oder nur zu einem Plausch vorbeikommen konnte. Auf den familiären Aspekt ihres Geschäfts legten die Große Inkrotts immer Wert.

Für viele wird sie Tante Anny bleiben

Kein Wunder also, dass viele traurig sind, dass der Laden, der sich jahrzehntelang gegen die Konkurrenz der Drogerieketten behaupten konnte, bald nicht mehr da sein wird. Auch Anny Große Inkrott selbst ist der Entschluss nicht leichtgefallen. Doch für ihre Angestellte, Britta Krembel, als Lehrling gekommen und mittlerweile seit 30 Jahren ein wichtiger Teil des Ladens, sei „noch der richtige Zeitpunkt, etwas Neues zu machen“. „Und ich“, sagt Anny Große Inkrott, „ich gehe in Rente, so wie andere das ja auch machen.“

Vielleicht mal länger schlafen, mit dem Auto rumfahren oder sich mit der Schwägerin auf einen Kaffee treffen, schweben ihr gewisse Vorhaben vor. Und egal ob nun hinter der Kasse oder nicht: Für viele wird sie Tante Anny bleiben.

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