Emmerich Kálmáns Operette „Die Csárdásfürstin“ in Münsters Großem Haus
Der Star singt vor Soldaten

Münster -

Von den glorreichen Zeiten als Revuetheater zeugen eigentlich nur noch der ausladende Kronleuchter und der üppige Bühnenvorhang. Wo sich einst die „Upper Class“ der K.-und-k.-Monarchie amüsierte, liegen jetzt verwundete Soldaten, kämpfen Ärzte und Schwestern um deren Leben.

Sonntag, 03.12.2017, 16:30 Uhr aktualisiert: 08.12.2017, 16:56 Uhr
Wohlklang mit Weltschmerz: Die Oberschwester (Suzanne McLeod), Star Sylva (Henrike Jacob), Pianist Feri (Gregor Dalal) und Graf Boni (Erwin Belakowitsch) in Turbulenzen.
Wohlklang mit Weltschmerz: Die Oberschwester (Suzanne McLeod), Star Sylva (Henrike Jacob), Pianist Feri (Gregor Dalal) und Graf Boni (Erwin Belakowitsch) in Turbulenzen. Foto: Oliver Berg

Mareike Zimmermann verortet Emmerich Kálmáns Operette „Die Csárdásfürstin“ im Jahr 1917 – kurz nach ihrer Uraufführung. Es herrscht Krieg in Europa, Soldaten wollen unterhalten werden – zur Erhaltung ihrer Kampffähigkeit. So reist Sylva Varescu, der ehemalige Star des Hauses, mit Klavierbegleiter Feri zur Truppenbetreuung an. Als dann noch Graf Boni, der sich dem Schlachtfeld immer wieder durch Selbstverstümmelung entzieht, dazustößt, erinnern sich die drei an goldene Zeiten und an Sylvas Liebesgeschichte mit dem Fürstensohn Edwin.

Kálmáns bittersüßes „Weißt Du es noch?“ stellt Regisseurin Zimmermann als Motto über ihre Inszenierung, Isabel Graf entwirft Kostüme, die blitzschnelle Verwandlungen ermöglichen. So werden aus Krankenschwestern im Nu die „Mädis vom Chantant“, aus gestrenger Oberschwester und dem Chefarzt das Fürstenpaar.

Episodisch und pointiert wird an vergangenes Amüsement erinnert, Glamour und blinkende Operettenuniformen fehlen fast gänzlich. Da wird der rasante Untergang einer Epoche deutlich, wird aber auch durch konzise Personenführung dem Liebesreigen viel Aufmerksamkeit gewidmet. Tomasz Zwozniak trägt mit seiner Choreografie viel dazu bei. Er nimmt die Texte ernst, zaubert ein hinreißendes „Das ist die Liebe“ auf die Bühne. Nichts fehlt von all den Gefühlsverwirrungen und triebgesteuerten Aktionen der Protagonisten. Komik hat viel Platz in dieser „Csárdásfürstin“.

Natürlich ist es „a bisserl“ schade, wenn das Happy-End fehlt – aber folgerichtig: Die Chance auf eine sorgenfreie Zukunft ist vorbei. Sylva beendet ihre Tätigkeit für die Verwundeten, denn in jedem von ihnen meint sie ihren Edwin zu erkennen. Der erscheint ein letztes Mal als Traumbild in Smoking und mit Blumenstrauß.

Dreh- und Angelpunkt des Abends ist Erwin Belakowitsch als Graf Boni. Er ist quasi der Moderator, der den stetigen Wechsel zwischen Einst und Jetzt kommentiert und begleitet. Belakowitsch meistert dies mit darstellerischer Präsenz und einer wunderbaren Mischung aus Charme und Melancholie.

Inna Batyuks Chor präsentiert sich von seiner besten Seite. Wie aus einem Guss steht er mitten in der Inszenierung. Und es ist ein tolles Bild, wie die Herren beine­schwingend die Revuegirls nachahmen.

Das sängerische Ensemble lässt sich nur bedingt anstecken vom Regiekonzept. Christoph Stegemann verbreitet mit wenigen Tönen fürstliche Dignität. Suzanne McLeod als Fürstin und Oberschwester macht das Terzett „Jaj, Máman, Bruderherz, ich kauf mir die Welt“ zum Quartett mit einem Mehr an Weltschmerz. Gregor Dalal ist Feri – vom Theaterdirektor zum Pianisten degradiert. Er nimmt’s mit einem Achselzucken. Eine gute Figur macht Kathrin Filip als Comtesse Stasi. Keck, frech, fast schon emanzipiert sieht sie das Liebesleben eher von der rationalen Seite.

Garrie Davislims Edwin scheint mit dem Genre Operette noch nicht so ganz verschmolzen zu sein. Seinem schönen Tenor gebricht es etwas an Leichtigkeit und Feuer. Auch Henrike Jacob muss mit der Sylva noch warm werden. Das feurige „Teufelsweib“ mag man ihr noch nicht recht glauben – eher schon das Gedankenschwere, Melancholische ihrer Rolle.

Das Sinfonieorchester unter Stefan Veselka gießt keinen Zuckerguss über Kálmáns Melodien, gibt ihrem Tempo genauso Raum wie einem Schuss Sentimentalität und Melancholie. Ohne dass Charme und Eleganz verloren gehen. So gelingt ein Operettenabend, der Freude macht.

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Die nächsten Aufführungen am 9., 19. und 31. Dezember  | www.theater-muenster.com

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