Manfred Osten im Gespräch mit Adolf Muschg
War Goethe ein Japaner?

Münster -

„Eigentlich ist das, was wir hier machen, ein Spiel“, lächelte Adolf Muschg. „Und Spiel ist das Ernsteste, was es gibt.“

Freitag, 08.12.2017, 16:56 Uhr
Boten den Zuhörern einen geistreichen Abend : der Schriftsteller Adolf Muschg (l.) und der Kulturwissenschaftler Manfred Osten.
Boten den Zuhörern einen geistreichen Abend : der Schriftsteller Adolf Muschg (l.) und der Kulturwissenschaftler Manfred Osten. Foto: zin

Gemeint war sein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Manfred Osten, traditionell Conférencier der „Literaturbegegnungen“ im Theater. Und Osten war an diesem Abend mehr als nur geistreicher Impulsgeber – er saß dem Literaten Muschg als gleichrangiger (Muschg meinte gar: versierterer) Goethe-Kenner gegenüber. Die überschaubare Zuschauerzahl, die den Weg durch den Regen gefunden hatte, lauschte fasziniert.

Der intellektuelle Blick kam aus der Schweizer Perspektive. „Deutsche neigen zur Idealisierung der Schweiz“, wusste der Literat. Womit er zur ambivalenten Rolle seines Landes fand: Dem Land, das ein „sicherer Punkt für das Bunkern von Profiten“ gewesen sei, insbesondere im Rahmen des Kolonialismus des 19. Jahrhunderts.

Kein Land habe insgesamt mehr daran verdient. Nein, den „Schweizer Pharisäern“, die sich über Andere erheben, wolle er nicht angehören, sagte Muschg, und verwies auf jene Anzahl jüdischer Flüchtlinge, die während des Krieges von den Eidgenossen abgewiesen wurden; teils sogar von jüdischen Glaubensbrüdern.

Adolf Muschg sieht Auschwitz als „Nullpunkt der Zivilisation“. Gleichwohl bescheinigte er den Deutschen, sich ihrer Geschichte in einmaliger Weise gestellt zu haben.

Im Gegensatz zu Japan, jenem Land, dem er seit der Kindheit familiär und literarisch verbunden ist. Seine ältere Schwester lebte in Kyoto, von wo Muschgs dritte Ehefrau ebenfalls stammt. Ihr Ehrbegriff hindere die Japaner daran, kollektiv zu trauern. „Die gefallenen Väter haben ihr Leben verloren – das Gesicht sollen sie nicht auch noch verlieren.“

Japan weise eine beispiellose Goethe-Rezeption auf, mit über 250 000 Schriften. „War Goethe ein Japaner?“ – die Gegensätze wurden offenbar. „Wir“, so Muschg, „schätzen ihn als Erneuerer der deutschen Sprache, wie es ihn seit Luther nicht gab.“ Die Japaner (als „non-verbales“ Volk) schätzten eher Goethes Achtsamkeit für das Gegenständliche. Muschg verwies auch auf die Schattenseiten des Genies, die der Deutschunterricht unterschlage; etwa sein amtliches Votum für die Hinrichtung der Kindsmörderin Anna Catharina Höhn, die einem „realen Gretchen“ die Empathie versagte.

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